Magali Bonard, Patrimoine Valais romand
Magali Bonard devant le couvent des Capucins à Sion (Photo Sophie Stieger)

Engagiert für den Heimatschutz

Magali Bonard im Valais romand, David Spinnler im Val Müstair, Katharina Müller im Kanton Schaffhausen, Tiziano Fontana im Tessin und Daniele Grambone im Kanton Solothurn: fünf Heimatschützer/innen berichten von Ihrem Engagement.

Fünf Porträts von engagierten Heimatschützer/innen, publiziert in der Ausgabe 1/2020 unserer Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine. Texte: Monique Keller, Karin Salm, Marco Guetg, Patrick Schoeck

Magali Bonard, Patrimoine Valais romand

Magali Bonard – oder Reichenbach, wie sie hiess, bevor sie ihren ledigen Namen wieder angenommen hat – wählt das Kapuzinerkloster in Sitten als Treffpunkt. Die vor Kurzem durchgeführte Restaurierung wurde 2018 mit dem Clou rouge gewürdigt. «Dieses Projekt steht für den Respekt vor dem baulichen Erbe, aber auch für die weitreichende Öffnung, die mit der entschieden modernen Erweiterung von Mirco Ravanne in den 1960er-Jahren erfolgt ist», erklärt die Präsidentin der Heimatschutzsektion Valais romand. Dabei führte gerade diese Öffnung zunächst zu einem kollektiven Aufschrei. «Erst in den 1980er-Jahren begann die Bevölkerung, die Qualität dieses Werkes zu verstehen.»

Sensibilisierung und Kommunikation stehen nicht von ungefähr im Zentrum der Arbeit der Sektion Valais romand. Das Wallis ist nämlich der einzige Westschweizer Kanton, in dem Heimat- und Naturschutzverbände auf kantonaler Ebene kein Beschwerderecht haben. «Das macht es schwierig für uns. Wir werden bei strittigen Projekten um Unterstützung gebeten, können aber nichts tun.» Wegen der fehlenden Rechtsgrundlagen sieht Magali Bonard die Rolle ihrer Sektion eher in der Vermittlung, und dazu braucht der Heimatschutz ein konstruktives Image: «Wir müssen Verbindungen zu den kommunalen und kantonalen Dienststellen aufbauen, um als glaubwürdige Gesprächspartner wahrgenommen zu werden. Nur so können wir Fortschritte erzielen.» Vor allem bei der Erarbeitung von Inventaren braucht es diplomatisches Geschick.

Um die Legitimität und Effizienz der Sektion zu stärken, hat Magali Bonard die Strukturen nachhaltig verändert. Jedes Vorstandsmitglied, ob Architektin, Jurist, Historikerin oder Banker, übernimmt eine klare Rolle und Verantwortung, und die Arbeitsweise ist partizipativ und offen. Als Präsidentin agiert sie im Wesentlichen als Motor. Sie hat auch die Kommissionen neu gestaltet und den Jungen mehr Platz eingeräumt. «Mit ihnen geht alles schnell, sie sind sehr motiviert», freut sie sich und stellt eine gute Dynamik mit den erfahreneren Mitgliedern fest.

Im Kanton hat der Schutz der Heimat keine gute Presse. «Man assoziiert uns mit dem neuen Raumplanungsgesetz und der Lex Weber.» Der Wind beginnt sich jedoch zu drehen, wie die kürzliche Wahl des Grünen Christophe Clivaz in den Nationalrat zeigt. Es bleibt aber viel zu tun, und das ehrenamtliche Engagement stösst an seine Grenzen. «Von uns wird immer mehr Professionalität erwartet, aber das ist schwierig.» Magali Bonard steht mit dieser Feststellung nicht alleine da: «Anderen Westschweizer Sektionen geht es gleich: Den Vorständen geht zunehmend die Luft aus.» Die Lancierung des Clou rouge im Jahr 2018 und der Weg, den der «Rote Nagel» seither von einer Westschweizer Region zur andern zurückgelegt hat, hat die Verbindungen zwischen den Sektionen gestärkt.

Für Magali Bonard ist der Heimatschutz wie eine zweite Haut. Sie setzt sich seit 30 Jahren dafür ein und hat als engagierte Frau in einem konservativen Kanton Pionierarbeit geleistet. Die Tochter einer Walliserin und eines Waadtländers, die in Sitten zur Welt kam, weiss noch genau, welcher Bau sie schon früh für das Kulturerbe begeistert hat: die Stiftskirche von Romainmôtier, dem Heimatort ihres Vaters, wo ihre Eltern getraut wurden. Nach einer kaufmännischen Lehre folgte eine Weiterbildung in Kultur- und Sozialmanagement an der SAWI. Das Thema ihrer Abschlussarbeit, das bis heute nichts an Aktualität eingebüsst hat: «Aufwertung des städtischen Kulturerbes im Alpenraum». Zwischen 2003 und 2005 absolvierte sie zudem ein CAS im Bereich «Kulturerbe und Tourismus» an der Universität Genf. 

Den Angriffen, denen sie manchmal ausgesetzt ist, begegnet sie relativ stoisch: «Ich ziehe den Kopf ein und warte, bis der Sturm vorüber ist. Aber ich habe auch gelernt, freundlich, aber bestimmt Stellung zu beziehen.» Was sie antreibt, ist ihre Leidenschaft für Architektur und Landschaft. «Ich bin fasziniert von dieser Harmonie zwischen Alt und Neu», sagt sie namentlich zum Kapuzinerkloster. Für Magali Bonard ermöglicht es das Verständnis des historischen Kontextes, die gesamte Schönheit des Kulturerbes zu erkennen. Und genau diese Schönheit will sie mit der Öffentlichkeit teilen.

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Sektion Patrimoine Valais romand

David Spinnler, Heimatschutz Engadin und Südtäler
David Spinnler in Sta. Maria im Münstertal (Foto Sophie Stieger)

David Spinnler, Heimatschutz Engadin und Südtäler

Worum es geht bei der geplanten Umfahrung? Wer von La Crusch, zirka 1600 m ü. M., auf das Dorf Sta. Maria im Münstertal hinunterschaut, erhält eine erste Antwort. Zu sehen sind zwei Autostrassen. Die eine zieht durchs Münstertal und zwängt sich durch Sta. Maria. Die andere spiralt sich vom Umbrailpass runter und mündet im Dorf in die Nord-Süd-Verbindung. Die zwei Strassenstriche in der Landschaft zeigen, was seit eh und je Sta. Maria ist: ein Kreuzdorf. Und das soll so bleiben.

Es ist Januar, später Vormittag. Die Sonne streift lediglich den nördlichen Zipfel des 350-Seelen-Dorfes. Bald verschwindet sie wieder hinter dem Piz Lad. Im Winter ist es ruhig in Sta. Maria. Trubel tobt im Sommer, wenn sich zwischen Mai und Oktober vom Ofenpass, vom Umbrail oder aus dem Südtirol täglich tausend Töffs, Autos oder Cars durchs Dorf zwängen. Wer in Sta. Maria an der Hauptstrasse lebt, leidet. Seit Jahren schon. 

Jetzt kommt Bewegung in die Enge. 2011 hat sich die inzwischen fusionierte Gemeinde Münstertal für eine Umfahrungsstrasse ausgesprochen. Technisch eine eher problemlose Aufgabe, doch David Spinnler, der Direktor der Biosfera Val Müstair, möchte diese Ingenieursarbeit um einen kulturellen Aspekt erweitern. Sein Wunsch: «Die historisch gewachsene Struktur des Dorfes sollte in irgendeiner Form auch nach dem Bau der Umfahrungsstrasse lesbar sein.» Ideen dazu hätte er, doch David Spinnler ist kein Ingenieur. Der Sohn des Dorfarztes hat Philosophie, Geschichte und Rätoromanisch studiert; danach arbeitete er 20 Jahre als Journalist für RTR (Radiotelevisiun Svizra Rumantscha) in Chur und im Unterengadin, ehe er vor sechs Jahren mit seiner Frau und den vier Söhnen in seinen Heimatort zurückkehrte und sich 2018 schliesslich an die Spitze des Naturparks Biosfera Val Müstair wählen liess. 

Dieser kulturell-historische Hintergrund prägt sein Agieren. Es soll ja nicht einfach eine Entlastungsstrasse ins Kulturland gebaggert, sondern vielmehr versucht werden, so Spinnler, «durch die neue Strasse, ihre Situierung und Gestaltung wie durch das Neudenken des Dorfkerns einen neuen kulturellen Wert zu schaffen.» Allein: Um zu wissen, was man will, muss man wissen, was man hat. Daher hat David Spinnler bei der Biosfera das Projekt «Baukultur 2020–24» lanciert. In den «ISOS-Dörfern» Sta. Maria und Müstair wird bis 2024 ein baukulturelles Inventar erstellt. Mit diesem Projekt definiert die Biosfera Val Müstair auch ihr Selbstverständnis. Einst wurde sie explizit als Instrument der Regionalentwicklung initiiert. Im Wissen darum, dass nur im Zusammenspiel von Wirtschaft, Tourismus, Natur und Kultur die erwünschte nachhaltige Entwicklung in der Region möglich ist, ist heute der Fokus breiter. Dieses Verständnis ist in der Bevölkerung offensichtlich angekommen. Anfang 2020 wurde die Park-Charta mit nur einer Gegenstimme für weitere zehn Jahre verlängert. Nun kann David Spinnler «zusammen mit den übrigen Playern im Tal weitere Projekte anreissen» – eines davon ist die Umfahrung Sta. Maria. 

Mit im Boot sitzt auch die Sektion Engadin und Südtäler des Schweizer Heimatschutzes, in der David Spinnler seit kurzem im Vorstand ist. Denn ist der Verkehr einmal aus dem Dorf verbannt, entstehen neue Perspektiven. Was alles möglich wäre? Darüber wird an einem Samstag im August im Rahmen der Heimatschutzveranstaltungen zum Thema «Kulturlandschaften» mitten im Verkehrsgewusel von Sta. Maria diskutiert und ausdrücklich auch fantasiert. David Spinnler hofft, nach diesem Inputreigen mit einem Korb voller Ideen in sein Büro zurückzukehren. Hinter dieser Flucht nach vorn steckt eine strategische Absicht: Spinnler und seine Mitstreiter wollen mitdenken, so lange Mitdenken noch Einfluss hat, damit die geplante Optimierung der Verkehrssituation letztlich rundum Mehrwert schafft. 

Etwas weh ums Herz wird David Spinnler schon, wenn er von La Crusch hinunter auf Sta. Marias Kulturland blickt, durch das einmal eine Umfahrungsstrasse führen könnte. Er hätte einen Vorschlag, wie das heutige Bild intakt bliebe: mit einer Linienführung «unter Tag. Der Verkehr käme erst am Dorfrand bei der Umbrailkreuzung wieder an die Oberfläche, wo dann gleichzeitig die historische Kreuzsituation neu interpretiert werden könnte.» Kein Zweifel: Seinen Tagtraum wird David Spinnler im August in den Korb legen …

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Sektion Heimatschutz Engadin und Südtäler

Katharina Müller, Schaffhauser Heimatschutz
Katharina Müller vor der Bergtrotte Osterfingen (Foto Sophie Stieger)

Katharina Müller, Schaffhauser Heimatschutz

Osterfingen ist ein schöner Flecken, eingebettet im Tal zwischen dem Wannenberg und Rossberg. «Im Schpaalt hinne» sagen die Einheimischen. Ordentlich gruppieren sich Häuser mit ihren sorgfältig gepflegten Nutz- und Ziergärten entlang der Dorfstrasse. Dass diese Strasse eine Sackgasse ist, hat dem Dorf vielleicht wirtschaftlich geschadet, das Ortsbild aber hat profitiert. Hier hat sich kein Einfamilienhausteppich die Hänge hoch ausgebreitet. Das Strassendorf ist kompakt und intakt, umgeben ist es auch von weiten Rebhängen, wo der Blauburgunder wächst. «Diese einmalige Kulturlandschaft verdient mehr Aufmerksamkeit», sagt Katharina Müller und probiert die Kutteln, die sie im Restaurant «1584» der Bergtrotte bestellt hat. Katharina Müller muss es wissen: Die Schaffhauser ETH-Architektin war 20 Jahre als Kantonsbaumeisterin tätig und in dieser Funktion einige Jahre im Vorstand des Schaffhauser Heimatschutzes. Dabei hat sie die Qualität der charakteristischen Dorfbilder ihres Kantons schätzen gelernt. Vor vier Jahren hat die pensionierte Kantonsbaumeisterin das Präsidium des Schaffhauser Heimatschutzes übernommen.  

«Hier in Osterfingen kann man zeigen, wie wichtig privates Engagement für den Erhalt unseres Kulturerbes ist.» Müller erwähnt die Bergtrotte. Der imposante, fast 500 Jahre alte Bau liegt unübersehbar im Rebhang. 2011 übernahm eine Stiftung die Trotte von der Rebbaugenossenschaft Osterfingen und verpflichtete sich, sie als Kulturgut zu bewahren und zu einem kulturellen und touristischen Zentrum auszubauen. Vier Jahre und 4,2 Millionen Franken später wurden die renovierte Trotte und der diskrete, aber eigenständige Betonanbau mit Restaurant eröffnet. Das Restaurant bietet Feines und Bodenständiges und eine interessante Auswahl regionaler Weine. Kultur, landschaftlicher und kulinarischer Genuss bilden hier ein stimmiges Trio.

Die Schaffhauser Heimatschutzpräsidentin Katharina Müller lobt nicht nur die Kutteln und die umgebaute Bergtrotte, sie findet auch anerkennende Worte für den Gartenpfad Osterfingen. Auch hier haben engagierte Privatpersonen die Zügel in die Hand genommen. Initiant des Themenpfads war der ehemalige Schaffhauser Stadtgärtner Emil Wiesli. Er staunte über die schönen Bauerngärten, die sich wie farbige Mosaiksteine im Strassendorf aneinanderfügten. Ihm imponierten auch die Nutzgärten hinter den Häusern, die einen harmonischen Übergang vom Dorf zu den Äckern und Reben schufen. Wer diese traditionelle Bauerngartenkultur pflegen und klug modernisieren will, macht seit 2005 mit. In einer Broschüre sind die 27 Gärten mit kurzen Erläuterungen zum Haus mit Situationsplan aufgeführt. Das Ah und Oh der Besucherinnen und Besucher ist der Lohn für die Arbeit.

«Der Gartenpfad und die Bergtrotte – das sind Lichtblicke», findet Katharina Müller. Sie fügt an, dass Osterfingen ein ISOS-Ortsbild von nationaler Bedeutung ist, so wie Wilchingen und Neunkirch auch. Lichtblicke sind nötig, denn der Schaffhauser Heimatschutz hatte Anfang 2018 bei der Revision des Natur- und Heimatschutzgesetzes eine herbe Abstimmungsniederlage zu verkraften. Die Mehrheit der Schaffhauser Kantonsbevölkerung entschied, dass Umbauten an lokal schützenswerten Häusern nicht mehr zwingend durch die kantonale Denkmalpflege beurteilt werden müssen. Dass die Schwächung des Denkmalschutzes weniger dramatisch ausgefallen ist als im Kanton Zug, sei nur ein klitzekleiner Trost, sagt Müller. «Dem Denkmalschutz weht ein rauer Wind entgegen.»

Darum gehen die Präsidentin und ihr Bauberatertrüppchen besonnen und konsequent vor. Jeden Freitag gibts ein Treffen. Dann werden alle Baugesuche angeschaut und geprüft, ob es sich um sensible Objekte handelt und ob Einsprachen oder Rekurse nötig und erfolgsversprechend sind. «Rekurse ohne Aussicht auf Erfolg können wir uns gar nicht erlauben. Das würde der Glaubwürdigkeit des Heimatschutzes nur schaden», hält Katharina Müller fest.

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Sektion Heimatschutz Schaffhausen

Tiziano Fontana, Società ticinese per l’Arte e la Natura (STAN)
Tiziano Fontana im Quartier San Giovanni in Bellinzona (Foto Sophie Stieger)

Tiziano Fontana, Società ticinese per l’Arte e la Natura (STAN)

Die Tour d’horizon beginnt im Ristorante Casa del Popolo an der Viale Stazione 31 in Bellinzona. Wir erfahren dabei etwas aus Tiziano Fontanas Biografie, während er skizziert, wo dem Heimatschützer der Schuh drückt und welche Akzente er als Präsident der STAN setzen möchte. Dann geht es hinaus auf die Strasse und um die Ecke. Wir tippeln eine lange Treppe hinunter, der Bellinzonabesucher schaut und staunt: Er betritt Neuland.
San Giovanni heisst das Quartier zwischen dem Bahnhof und dem Areal der SBB-Werkstätten. Hier wurde die Stadt im späten 19. Jahrhundert und im Sog des SBB-Booms erstmals erweitert. Entstanden ist ein überblickbares Geviert mit rechtwinklig angelegten Strassen. In eingefriedeten Gärten stehen kleine Villen und Wohnhäuser, ein Formenmix aus Elementen des Heimat- und Jugendstils mit Anlehnungen an den Klassizismus wie der Industriearchitektur. 

Dass Tiziano Fontana den Besucher aus dem Norden in dieses städtebauliche Schmuckstück lockt, hat zwei Gründe. Einerseits ist San Giovanni im Rahmen der von der STAN lancierten Aktion «Paessaggi culturali in Ticino» ein Besichtigungsort; andererseits hat der Kanton Tessin vor einiger Zeit das gesamte Quartier als Kulturgut von kantonaler Bedeutung eingestuft. «Ein Novum in der Geschichte des Kantons!», sagt Tiziano Fontana bei unserem Rundgang. 

Dieser kulturpolitische Ritterschlag ist ein Lichtblick. Euphorisch wird Tiziano Fontana deswegen aber nicht. Zu zahlreich sind die Sündenfälle im Kanton. Erst noch hat Fontana am Tisch in der Casa del Popolo seine Tessiner Sorgenkarte ausgebreitet. Der Windpark am Gotthard – er kommt. Die STAN-Rekurse wurden abgelehnt. Der Gemeinderat hadert und fragt: «Weshalb gerade auf dem Gotthard, diesem sinnstiftenden Ort, während im Tal auf den Dächern im Industriegebiet Solarpanels installiert werden könnten?» Ungemach droht auch am Lago Maggiore. Eine knapp zwei Kilometer lange Passerelle soll Ascona mit den Isole di Brissago verbinden. Der STAN-Rekurs ist noch hängig. Im Villenquartier Montarina von Lugano wiederum droht die um 1910 vom Architekten Americo Marazzi gestaltete «città giardino» zerstört zu werden, am Lungolago soll tonnenweise Sand ausgekippt werden …

Auf der Sorgenkarte gäbe es durchaus noch weitere Schmerzpunkte – aber auch Erfolge. Der jüngste: Im Dezember 2019 wurde ein Rekurs der STAN gegen ein Projekt im Zentrum von Novazzano gutgeheissen. Das Botta-Projekt hätte Baudenkmäler aus dem 17. und 18. Jahrhundert zum Verschwinden gebracht. Ob hier oder anderswo: Im Grund gehe es immer um das Gleiche, erklärt Tiziano Fontana, «um den sorglosen Umgang mit historischer Bausubstanz». ISOS ist für viele Architekten offensichtlich kein Planungsinstrument, sondern eher eine Art kryptisches Kürzel. 

Diese Unsensibilität treibt die STAN immer wieder aufs juristische Parkett. «Hier ist ein historischer Dorfkern bedroht», sagt Tiziano Fontana, «dort ein Quartier aus dem 19. Jahrhundert, hier eine Villa mit Park, dort wiederum ist die Bauzone zu gross … Rekurse werden uns geradezu aufgedrängt und sind auch nötig», sagt Fontana. Wichtig aber ist ihm etwas anderes: Information. Daher plant die STAN neu offene Studientagungen oder geführte Besuche zu einem Objekt; sie bedient inzwischen auch intensiv die sozialen Medien, und mit den vier «Paessaggi culturali in Ticino» zwischen Mai und September wird eine alte Tradition weiter gepflegt. 

Tiziano Fontana kennt die DNA seines Vereins. Bevor er STAN-Präsident wurde, war er drei Jahre lang deren Geschäftsführer; zuvor hat er sich rund um die Villa Argentina in Mendrisio im lokalen Kulturkampf gestählt. Ein Bauprojekt hätte einen Teil der Anlage zunichtegemacht. Er lancierte eine Petition gegen die Zerstörung des historischen Parks der Villa. «Gewonnen aber haben wir noch nicht», sagt Fontana, «aber gebaut wurde auch noch nicht.»

Fontanas Vorgänger Antonio Pisoni war 26 Jahre im Amt. Eine reizvolle Perspektive. Fontana lacht und winkt ab. Seine Hoffnung: Eine «rechtliche, planerische, ökonomische und sozial funktionierende Lösung zu finden, die die Quartiere nicht nur rettet, sondern auch ermöglicht, dort zu leben», und er schliesst mit einer rhetorischen Frage: «Was nützen geschützte Häuser und Quartiere, wenn sie leer bleiben?»

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Sektion Tessin: Società ticinese per l’Arte e la Natura (STAN)

Daniele Grambone, Solothurner Heimatschutz
Daniele Grambone vor dem Wasserkraftwerk Luterbach (Foto Sophie Stieger)

Daniele Grambone, Solothurner Heimatschutz

«Mit einem Schwarz-Weiss-Sehen kommen wir nicht weit», erklärt Daniele Grambone, der Präsident des Solothurner Heimatschutzes. Als Stimmbürger ist er für die Energiewende. Als praktizierender Architekt hingegen hat er seine eigene Meinung zu schlecht in Dachflächen integrierten Solaranlagen und stellt sich die Frage, wie stark die Windenergie in die Landschaft eingreifen darf. Der 34-Jährige gibt zu bedenken: «Wir müssen besser verstehen, wie wir die Energiewende gestalten wollen», und fügt gleich an: «Dazu gehört auch, dass wir anderen zuhören.»

Die geplanten Veranstaltungen zum Thema «Energie und Heimatschutz» versteht Grambone denn auch als Bestandesaufnahme. Vier Anlässe an vier Orten machen deutlich, wo der Schuh drückt. Die Meinung der Sektion stehe dabei aber nicht im Vordergrund, meint Grambone. Vielmehr wolle man anderen das Wort geben. «Zuhören gehört zum Verstehen dazu», hält er fest. 

Die Veranstaltungsreihe solle auch zur Klärung beitragen, wo die Solothurner Sektion des Heimatschutzes künftig ihre Prioritäten setzen wolle. Mit den beschränkten Mitteln könne man nicht überall aktiv sein, wo die Energiewende Auswirkungen auf Landschaften und Baudenkmäler habe. Und nach einigem Nachdenken fügt er an: «Und wir sollten uns überlegen, wie wir uns mit anderen Umweltverbänden besser vernetzen.»

Die Interessen des Natur-, Umwelt- und Heimatschutzes treffen an vielen Stellen zusammen. Manchmal sind sie deckungsgleich, und manchmal muss man Kompromisse finden. Dies betrifft nicht zuletzt die Frage nach dem Umgang mit historischen Wasserkraftwerken. Grambone muss etwas ausholen: «Der Oberbau des Wasserkraftwerks Winznau bei Olten soll ersatzlos zurückgebaut werden. Als Architekt schmerzt es mich, dass dieses Baudenkmal verschwinden soll. Auf der anderen Seite ist es nachvollziehbar, wenn ein Bauwerk zurückgebaut wird, wenn es seine Funktion verloren hat und keine sinnvolle Folgenutzung gefunden werden kann. Und schliesslich gehe es auch um den Naturschutz». Eine Fahrt auf Pontonierbooten im Mai werde zeigen, wie und ob Renaturierungen mit Denkmälern der Industriegeschichte zusammengehen. 

Die Industrialisierung des Kantons Solothurn hat bedeutende Energielandschaften hervorgebracht. Dass solche menschgemachten Landschaftsveränderungen wertvoll und erhaltenswert sein können, hat der Solothurner Heimatschutz bereits vor fast 20 Jahren mit einer Publikation gezeigt. «Es ist ein schönes Zeichen, wenn in historisch bedeutenden Kleinkraftwerken heute noch Strom produziert werden kann», so Grambone. Das Veranstaltungsprogramm der Sektion sieht er denn auch als gute Gelegenheit, auf den Spuren der 2002 erschienenen Publikation den Industrielehrpfad entlang des Emmenkanals neu zu entdecken.

Ganz andere neue Energielandschaften bringt heute die Photovoltaik hervor. Diesem aktuellen Phänomen geht der Solothurner Heimatschutz in Hessigkofen auf die Spur: Das überschaubare 270-Seelen-Dorf im ländlichen Bucheggberg ist ein ISOS-Ortsbild von nationaler Bedeutung. Und zugleich hat es sich schweizweit einen Namen als Solardorf gemacht. Das Engagement der Gemeinde zur Förderung der Produktion von erneuerbarer Energie auf den Dachlandschaften hat ihr 2010 gar den Schweizer Solarpreis eingetragen. «Wir wollen uns zeigen lassen, wie diese Interessen unter einen Hut gebracht werden können.»

Wer über die Energiewende im Kanton Solothurn spricht, kommt kaum am Atomkraftwerk Gösgen vorbei – immerhin liefert es fast zehn Prozent des in der Schweiz produzierten Stroms. Wie diese Energielücke bei einer künftigen Abschaltung geschlossen werden soll, ist eine Frage. Was mit dem so landschaftsprägenden und kontroversen Bauwerk dereinst geschehen soll, eine andere. Zieht man andere gebaute Zeugnisse der Energie- und Industriegeschichte bei und misst man die Bedeutung des Kraftwerks an strengen denkmalpflegerischen Kriterien, müsste dann die Anlage nicht als Baudenkmal erhalten werden? «Tatsächlich haben wir schon solche Anfragen erhalten», erwidert Grambone, «die Antwort ist allerdings nicht so einfach.» Sein Denkansatz: «Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir an mögliche Nutzungen in der Zukunft denken. Können wir uns etwa Lofts im heutigen Kühlturm vorstellen?»

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Sektion Heimatschutz Solothurn