Während viele Klöster ihre ursprüngliche Funktion verlieren oder sich neu erfinden, um ihr bauliches Erbe zu erhalten, funktioniert die Zisterzienserabtei von Hauterive immer noch wie bei ihrer Gründung im Jahr 1138. Vigilien, Laudes, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet – sieben Gebetszeiten bestimmen den Tagesrhythmus der Klostergemeinschaft, der Bruder Pierre-Yves aus Paris vor 30 Jahren beigetreten ist.
Wir treffen uns in einem Raum des Gebäudetrakts, der die Portalfassade des Klosters bildet. «Auch wenn wir nur 13 Mönche sind, hat sich unsere Gemeinschaft vergrössert. Wir nehmen jeweils zwei bis vier junge Menschen auf, die unser Leben für einen Monat bis zu einem Jahr teilen möchten. Es gibt eine grosse Nachfrage nach Orten, an denen man sich erholen und über sein Leben nachdenken kann – ein Spiegelbild unserer Zeit. Die Bewirtschaftung des Bauernhofs war ebenfalls eine Entscheidung, die mit diesem Projekt zusammenhing; neben dem wirtschaftlichen Aspekt entspricht sie dem Bedürfnis nach einer Verbindung zum Lebendigen, die vielen Stadtbewohnern fehlt.»
Als beschlossen wurde, die Abteikirche zu renovieren, bot sich Bruder Pierre-Yves als Vertreter der Nutzer an. Eine zeitintensive Aufgabe, die er jedoch für das Leben der Gemeinschaft als wichtig erachtete: «Wir sind nicht hier, um eine historische Rekonstruktion zu schaffen, die Abtei würde sonst lediglich zur Kulisse werden. Genau darum ging es bei der Renovierung der Kirche: Wir restaurieren einen Lebensraum, und das ist etwas ganz anderes als bei einer Kirche, die nicht bewohnt wird. Alle Mitglieder der Kommissionen haben das erkannt.»
Die Kirche ist das Zentrum des Klosterlebens. Vier Jahre lang wurde sie in das eigens dafür umgestaltete Refektorium «verlegt». «Der Speisesaal wurde schon immer als Kirche angesehen. Wie diese ist er nach Osten ausgerichtet, und die eucharistische Idee lebt auch im gemeinsamen Mahl weiter; ein geteilter Moment, der Gemeinschaft stiftet. Durch die Fenster sah man die Natur und den Wechsel der Jahreszeiten. Dennoch war es sehr bewegend, wieder in die Kirche zurückzukehren und beim ersten Gottesdienst die Glocke läuten zu lassen …»
Unser Rundgang endet im Kreuzgang mit seiner doppelten Säulenreihe, die Christus, ganz Gott und ganz Mensch, symbolisiert und typisch für Zisterzienserklöster ist. Bruder Pierre-Yves präzisiert: «Über seine praktische Rolle als Durchgangs- und Verteilungsort hinaus kommt dem Kreuzgang vor allem eine symbolische und spirituelle Bedeutung zu. Er ist ein Garten inmitten eines Hauses. Alles läuft auf diesen Garten zu und strahlt von ihm aus – typisch für den «Plan Bernardin», das zisterziensische Klosterschema. Es ist ein Ort des Ursprungs.» Auch die Neugestaltung des Kreuzgangs im Jahr 2004 greift diesen Gedanken auf und verweist gleichzeitig auf den fehlenden vierten romanischen Flügel, der im Zuge eines Umbaus im 18. Jahrhundert abgebrochen wurde.
Um 11.45 Uhr ruft eine Glocke dazu auf, sich in fünf Minuten zum Sext-Gottesdienst zu versammeln. Bruder Pierre-Yves führt mich in die Kirche, bevor er sich von mir verabschiedet. Dann vermischt sich seine Stimme mit denen seiner Mitbrüder im gregorianischen Gesang, der den Raum erfüllt, greifbar gemacht durch das farbige Licht der Strahlen, die durch das imposante Chorglasfenster dringen. Beim Verlassen der Kirche, mit Blick auf die Landschaft um mich herum – eine Mischung aus Natur und Architektur –, kommen mir die Worte von Bruder Hermann-Joseph in den Sinn, die ich bei einem früheren Besuch gehört hatte: «Wir tragen seit 900 Jahren dieselbe Ordenskleidung, aber unser Ziel und unsere Pflicht ist es, unserer Zeit zu entsprechen.» Die Mauern der Abtei Hauterive mögen zwar dick sein, doch sie sind nicht undurchdringlich für eine Welt, die sich wandelt und der sich die Gemeinschaft zwischen Tradition und Moderne immer wieder anpasst.
François Esquivié, Architekt und Autor