Den Anstoss für den Weg der Vielfalt lieferte ein Postulat im Stadtparlament. Die weltweit geführten Debatten rund um die Black Lives Matter-Proteste forderten eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe sowie dessen Vermittlung. Vor dem Hintergrund einer diversen Gesellschaft mit einer Vielfalt kultureller Herkünfte, Religionen, Identitäten und der kolonialen Vergangenheit stellt sich die Frage, wie wir mit belastetem kulturellem Erbe umgehen. Anstatt Zeichen der Vergangenheit aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, soll die Stadt über sie informieren, aufklären und sie somit kontextualisieren.
Eine Fachgruppe übernahm die Projektleitung. In dieser waren verschiedene städtische Dienststellen und Archive vertreten, aber auch Expertinnen und Experten für Kolonialgeschichte, für Frauen- und Geschlechtergeschichte, für Diversität und Inklusion sowie für Sozialanthropologie. Die Bevölkerung wurde eingeladen, auf einer Onlineplattform Erinnerungsorte vorzuschlagen, die in den Weg der Vielfalt aufgenommen werden sollten. Gesucht waren Orte, an denen sich die Geschichte der Diskriminierung von Minderheiten zeigt oder die positiv für einen erfolgreichen Kampf um Anerkennung stehen. An einem öffentlichen Workshop diskutierte die Fachgruppe die eingereichten und von ihr ergänzend eingebrachten Vorschläge mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Interessengruppen.
Aus 150 Vorschlägen wählte die Fachgruppe rund 90 Orte für den Weg der Vielfalt aus. Dabei achtete sie darauf, Themen wie Frauengeschichte, Queerness, Kolonialismus oder jüdische Geschichte möglichst ausgewogen zu berücksichtigen – was aufgrund des unterschiedlichen Stands der Aufarbeitung jedoch nicht überall gelang. Die Fachgruppe und weitere beigezogene Autorinnen und Autoren verfassten Beiträge zu den einzelnen Stationen, die seit März 2025 auf der öffentlich zugänglichen Webseite wegdervielfalt.ch zu finden sind.
Anschliessend widmete sich die städtische Denkmalpflege der weiterführenden Informationsvermittlung im Kontext des Denkmalschutzjahres 2025, insbesondere mit der Jahresausstellung «Denkmal anders». Die im Weg der Vielfalt erhaltenen Erinnerungsorte unterscheiden sich stark hinsichtlich ihrer denkmalpflegerischen Kategorisierung. Zahlreiche Bauten stehen zwar unter Schutz, aber nur wenige sind wegen ihrer sozialgeschichtlichen, historischen oder kulturellen Bedeutung inventarisiert. Orte der Diskriminierung fehlen in den Inventaren (noch) ganz.
Im Inventarisierungsprozess gewichten Fachpersonen die denkmalpflegerische Bedeutung noch immer zu einseitig nach architektonischen oder baukünstlerischen Kriterien. Dabei kann auch eine historische Bedeutung, die nicht unmittelbar zu sehen ist, für sich allein schon einen Denkmalwert begründen. Bei der nächsten Aktualisierung des Inventars der schützenswerten Bauten sollte die Bevölkerung im Allgemeinen stärker miteinbezogen werden – insbesondere Bevölkerungsgruppen, deren Geschichte bisher im Inventar unterrepräsentiert ist. Wie beim Workshop zum Weg der Vielfalt können die Beteiligten gefragt werden, welche Gebäude für sie identitätsstiftend sind und deshalb als kulturhistorische Zeugnisse erhalten bleiben sollen. Neben der Erweiterung bestehender Inventare soll auch bereits geschützten Objekten ein erweiterter Denkmalwert zugeschrieben werden. So ist etwa die Turnhalle Kreuzbleiche (Abbildung links) nicht bloss ein Zeugnis für den aufkommenden Sportunterricht im frühen 20. Jahrhundert, sondern auch ein Erinnerungsort für die Flüchtlingsgeschichte im Zweiten Weltkrieg. Oder das «Haus zur Waage», das zwar für die Jugendstilarchitektur und Stickereiblüte in der Stadt St. Gallen steht, aber mit den stereotypen Porträtköpfen der Kontinente ebenso Ausdruck einer kolonialrassistischen Haltung zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist.
Baudenkmäler erzählen Geschichten – und es ist die Aufgabe der Denkmalpflege, diese Geschichten ganzheitlicher zu erzählen als bisher. Nur so kann sie der gesellschaftlichen Vielfalt und dem Erbe von Minderheiten gerechter werden.
Matthias Fischer, Denkmalpfleger Stadt St. Gallen
Weg der Vielfalt
Der «Weg der Vielfalt» in St.Gallen zeigt Orte, die von Vielfalt erzählen und zum Nachdenken über unsere Gegenwart anregen.