Raum- und Landschaftsplanung

Von A wie Agglo bis Z wie Zusammenarbeit

Typische Agglomeration trifft auf Pla­nungs­willen: Zehn Gemeinden aus zwei Kantonen beplanen gemeinsam ihren Raum – organisiert als Verein Birsstadt. Einblicke in die Entstehungs­geschichte und die Organisation des Wakkerpreis­trägers 2024.

Über die letzten Jahrzehnte sind die verschiedenen Gemeinden der Agglomeration Basel zunehmend zusammengewachsen, so auch im Raum der heutigen Birsstadt. Ohne blaue Ortstafel ist für Nichtortskundige kaum sichtbar, wo eine Gemeinde aufhört und wo die nächste beginnt. Infrastrukturen wie Auto- oder Eisenbahn, Kantonsstrassen oder ÖV-Linien enden meist ohnehin nicht an der Gemeindegrenze. Demgegenüber steht die Realität der Gemeindeautonomie: Politik und Planung beschränkten sich lange Zeit nur auf den jeweils eigenen Raum. Eine Ausgangslage, wie sie sich vielerorts in der Schweiz findet, und ein System, das früher oder später an den Anschlag kommen muss. Doch wie kommt man zu einem anderen Modus?

Dort anfangen, wo es nicht wehtut

Am Anfang war der Freiraum. Oder besser gesagt: das Freiraumpotenzial. Die meisten Gemeinden liegen schwerpunktmässig nur auf einer Seite des Flusses. Die Birs hatte aus Gemeindeoptik also lange Zeit eine Randlage. Ein Freiraumkonzept änderte diese Wahrnehmung und zeigte das Potenzial der Birs auf – der Fluss wurde zur Mitte. Der Anstoss hierfür kam von aussen: Auftraggeber war der Kanton Basel-Landschaft. Erarbeitet wurde das Konzept im Rahmen eines Modellvorhabens «Nachhaltige Raumentwicklung» des Bundes. Dieser Einstieg war sehr niederschwellig. Daraus entstand ein erstes konkretes Zusammenarbeitsprojekt in Form des Birsuferwegs, und die Arbeitsgruppe «Birspark Landschaft» bildete sich heraus. Es folgte ein Aktionsplan für den Birsraum, um Naturschutz und Freiraumnutzung in Einklang zu bringen.

Parallel dazu wuchs auch das Bewusstsein, dass «weiter wie bisher» bei der Siedlungsentwicklung keine Option war. 2013 wurde deshalb eine Regionalplanungsgruppe ins Leben gerufen. Erstes gemeinsames Projekt: ein Raumkonzept für die Birsstadt. Während man die Stossrichtung der räumlichen Entwicklung festlegte, zeigte der gemeinsame Blick auf den Raum deutlich, dass auch eine bessere Abstimmung der Siedlungs- und Verkehrsentwicklung zwingend war. Als Folge davon wurde ein neues Projekt lanciert: die Ausarbeitung eines Mobilitätskonzepts. Doch wer entscheidet eigentlich, woran gearbeitet wird?

Eine Stadt als Verein

Aus den Erfahrungen der Zusammenarbeit in den Arbeitsgruppen entstand 2018 der Verein Birsstadt. Lange Zeit bestand im Kanton Basel-Landschaft keine gesetzliche Grundlage zur überkommunalen Zusammenarbeit. Die Vereinsform war zu diesem Zeitpunkt praktisch alternativlos. Der Vereinsvorstand bildet sich aus den Präsidien der zehn Gemeinden. Er hat die übergeordnete Sicht auf die drei bestehenden Arbeitsgruppen «Regionalplanung», «Birspark Landschaft» und «Energie-Region». Die bestehende Zusammenarbeit wurde dank dem Verein strukturierter. Die Vereinsform zwingt die Arbeitsgruppen und den Vorstand, konsensorientiert zu arbeiten, denn der Vorstand hat kaum Kompetenzen. Dokumente wie das Mobilitätskonzept müssen jeweils von den einzelnen Gemeinden verabschiedet werden – ein aufwendiger und zeit­intensiver Prozess.

Die Birsstadt: atypische Agglo

So typisch die Ausgangslage ist, der gewählte Weg der «Vereinsstadt» ist vorbildlich. Die Zusammenarbeit festigt sich Schritt für Schritt «bottom up» – ohne Druck von oben. Bei manchem Projekt steht der schwierige Teil erst noch an: die Umsetzung – denn hierfür sind die einzelnen Gemeinden in der Verantwortung. Wer sich jetzt beim Lesen fragt, ob denn nicht eine Gemeindefusion die bessere Lösung wäre: Eine solche ist derzeit politisch chancenlos. Zudem ist die Birsstadt für die Bevölkerung noch wenig sicht- und greifbar. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen baulichen Identität könnte ein Schritt sein, das Profil der Birsstadt und somit auch die Identifikation mit dem Raum zu schärfen. Mit dem Wakkerpreis ist ein Ansporn gegeben. 
 

Florian Inneman, Geograf und Raumplaner, EspaceSuisse


Dieser Artikel stammt aus der Begleitpublikation zum Wakkerpreis 2024 «Verein Birsstadt». Die Verleihung des Wakkerpreises 2024 findet am Samstag, 22. Juni, auf dem Domplatz in Arlesheim statt. Sie sind herzlich eingeladen: heimatschutz.ch/wakkerpreis

Publikation

Begleitpublikation und Faltblatt
In der soeben erschienenen Begleitpublikation zum Wakkerpreis 2024 beschreibt der Schweizer Heimatschutz die Gründe für die Auszeichnung des Vereins Birsstadt, die Entwicklung der Region und porträtiert einige der vielen Personen, die sich dafür engagierten. Zusätzlich lädt ein Faltblatt zu einem Spaziergang ein, auf dem an zehn
Stationen wichtige Merkpunkte in der Birsstadt erlebt werden können. Das Faltblatt sowie die handliche Begleitpublikation sind bestellbar im Shop des Heimatschutzes.

Preisverleihung

Preisübergabe am Wakkerpreisfest 2024 
Am Samstag, 22. Juni 2024 findet das Wakkerpreisfest 2024 auf dem Domplatz in Arlesheim statt. Dort erfolgt die offizielle Preisübergabe durch den Schweizer Heimatschutz an den Verein Birsstadt. Im Anschluss ist die ganze Birsstadt-Bevölkerung eingeladen, dieses freudige Ereignis mit einem regionalen Unterhaltungsprogramm zu feiern.

Preisträger

Website des Vereins Birsstadt
Die zehn Gemeinden Aesch, Arlesheim, Birsfelden, Dornach, Duggingen, Grellingen, Muttenz, Münchenstein, Pfeffingen und Reinach schlossen sich 2018 im Verein Birsstadt zusammen.