Schulthess Gartenpreis

Vom Friedhof zum Stadtpark

Der Kannenfeldpark in Basel ist eine Erfolgsgeschichte. Sie erzählt von einer gelungenen Umnutzung, die Erinnerung und soziale Teilhabe miteinander verbindet. Das unkonventionelle Projekt von Stadtgärtner Richard Arioli (1905–1994) bleibt bis heute lebendig. Es ist längst ein Denkmal und erfindet sich doch im­mer wieder neu – ausgezeichnet mit dem Schulthess Gartenpreis 2025 des Schweizer Heimatschutzes.

Mancher sieht den Park vor lauter Bäumen nicht. Nicht so Stadtgärtner Richard Arioli, als er im Herbst 1951 damit begann, den ehemaligen Gottesacker im Kannenfeld umzubauen. Wo hochfliegende Projekte für ein Schwimmbad oder einen botanischen Garten gescheitert waren, besann sich Arioli auf das, was eigentlich schon da war: den Park und die Menschen. Sie galt es, zusammenzubringen. Durch kluge Interventionen entstand so aus einem alten Friedhof mit eindrücklichem Gehölzbestand ein pulsierender Stadtpark. So geht ressourcenschonendes Bauen! Bis heute hat der Kannenfeldpark nichts von seiner lebendigen Anziehungskraft verloren. Und bis heute bleibt seine Herkunft als Friedhof erfahrbar.

Der Gottesacker Kannenfeld

Im Jahr 1866 entschied sich der Stadtrat für den Bau zweier Grossbasler Friedhöfe weit ausserhalb des Siedlungsgebiets der Stadt. Der Gottesacker auf dem Wolf im Osten und jener auf dem Kannenfeld im Westen wurden als Zentralfriedhöfe für das wachsende Basel geplant. Mit der Konzeption des Gottesackers im Kannenfeld wurde Basels erster Bauinspektor, Amadeus Merian (1808–1884), beauftragt. Die Bepflanzung der Anlage wurde dem Stadtgärtner Georg Lorch (1829–1870) übertragen. Bereits 1868 wurde der neue Friedhof eröffnet. Bis auf das Leichenhaus waren die Architekturen zwar dem Rotstift zum Opfer gefallen, doch das Gelände war nochmals vergrössert worden. Weitläufige Alleen unterschiedlicher Baumarten gliederten die Grabfelder. Ihr Raster wurde von einer umlaufenden ovalen Promenade zusammengehalten. «Landschaftliche» Strauchpflanzungen rahmten die Familiengräber entlang der Wege ein, monumentale Portale und Einfriedungen definierten die Grenzen des Friedhofs.

Ein grünes Politikum

Als 1932 der neue Zentralfriedhof am Hörnli eröffnete, wurden Bestattungen auf dem Kannenfeld zur Ausnahme und der Friedhof 1951 ganz stillgelegt. Die umlaufende Allee war inzwischen dem Ulmensterben zum Opfer gefallen, doch als stimmungsvoller Erinnerungsort blieb der Friedhof fester Bestandteil der Basler Identität. Dass nach den Plänen des Baudepartements ausgerechnet ein Freibad an seiner Stelle entstehen sollte, empfanden viele als pietätlos. Und als die Stadt unzimperlich begann, die Grabsteine abzuräumen und im Rheinhafen zu verbauen, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. In kurzer Zeit hatte die «Initiative zur Erhaltung des Kannenfeldparks» rund 7000 Unterschriften gesammelt. Gemeinsam mit einer Petition von weiteren 5000 Baslerinnen und Baslern forderte sie den Schutz der «einmaligen Parkschönheit» und einen stillen Park, der als botanischer Garten entwickelt werden sollte. Damit war die Idee des Freibads vom Tisch. Als sich aber die Leitung des Botanischen Gartens aus dem Projekt zurückzog, war dieses ebenfalls geplatzt.

Sozialer Park der Moderne

In dieser Pattsituation ergriff Stadtgärtner Arioli entschlossen die Initiative. Nach ersten Reparaturen und «handstreichartigen» Neupflanzungen der Stadtgärtnerei wurde der ehemalige Friedhof bereits im Mai 1952 als Stadtpark eröffnet und in den folgenden Jahren nach Ariolis Vorstellungen weiterentwickelt. Das alte Gefüge des Gottesackers blieb erhalten, insbesondere seine Alleen, seine Portale, seine Einfriedungen und einige Grabmale. Erhalten blieben auch zahlreiche immergrüne Gehölze der ehemaligen Grabbepflanzungen, die nunmehr die neuen Rasenflächen abwechslungsreich kammerten.  Gleichzeitig wurde das Nutzungsangebot des Parks zielstrebig erweitert, die «soziale Funktion des Parks» (Arioli) ausgebaut. Entlang einer alten, querlaufenden Kastanienallee entstand so nach und nach eine Spielachse mit Planschbecken und Spielgeräten. Skulpturale «Kinderspiel-Formsteine», die im Rahmen eines Wettbewerbs des Basler Kunstkredits entstanden, fanden dort ebenfalls Platz. An den ruhigen Rändern fanden sich ein Lesegarten mit Pergola, ein eleganter Kiosk mit Abort von Kantonsbaumeister Julius Maurizio sowie eine grüne Freilichtbühne. Die neuen Einbauten und ihre Materialisierung orientierten sich am gestalterischen Repertoire des Wohngartens der Moderne und blieben sparsam und zurückhaltend. Blütensträucher und Exoten bereicherten die Flora des Parks und beglückten jene, die dem botanischen Garten immer noch ein wenig nachtrauerten.

Weitergestalten

Ariolis Weichenstellungen blieben auch nach seiner Pensionierung 1970 bestehen. Sie erwiesen sich zunächst als robust: Die markanten Strukturen des alten Friedhofs boten einen beständigen Rahmen für sich zyklisch erneuernde Einbauten und Nutzungen. Die Grün 80 bescherte dem Park anstelle des Lesegartens einen neuen Rosengarten, für den der Riehener Gartengestalter Paul Schönholzer verantwortlich zeichnete. Gleichwohl war dem Park sein Meister abhandengekommen, und es entstand über die Jahre eine Bricolage der Einbauten, während alte und neue Pflanzungen auf den Rasenflächen beständig mehr Raum einnahmen. Ein Pflege- und Entwicklungskonzept fehlte. 2005 wurde als erster Beitrag dazu das «Leitbild Kannenfeldpark» erarbeitet. Es bildete die Grundlage insbesondere für den Neubau von fünf Spielinseln, die 2010 bis 2018 von Fontana Landschaftsarchitektur erstellt wurden und die Einbauten der Spielachse der 1950er-Jahre ersetzten. Neue Gehölzsammlungen griffen die Idee des botanischen Gartens auf. 2017 folgte die Umgestaltung des Rosengartens zur Staudenanlage.

Lebendiges Gartendenkmal

Der Kannenfeldpark zählt heute zu den beliebtesten Grünanlagen in Basel. Seine «Rettung» ist den Baslerinnen und Baslern und ihrem Stadtgärtner Richard Arioli zu verdanken. Hier verbindet sich auf zeugnishafte Weise die Geschichte des alten Gottesackers mit Ariolis innovativem Konzept eines sozialen Parks der Moderne – ein Konzept, das bis heute Spielräume für neue Nutzungen eröffnet. Aufgrund seiner grossen kulturgeschichtlichen Bedeutung ist der Kannenfeldpark in mehreren Denkmalinventaren eingetragen. Um Planung und Unterhalt ein verlässliches Instrument für eine denkmalgerechte Pflege und Entwicklung zur Verfügung zu stellen, wurde 2021 im Auftrag der Stadtgärtnerei durch den Verfasser dieses Beitrags ein Parkpflegewerk erarbeitet. Darin werden verschiedene Massnahmenbereiche zur Pflege, Restaurierung und Entwicklung der Anlage definiert. Diese betreffen neben Vegetation oder Ausstattung auch Anregungen zur Parkgastronomie oder zur ökologischen Aufwertung. Erhaltung, sanfte Nutzungsanpassung und beständige Aufenthaltsqualität sind hier das Ziel. Oder um es mit den Worten Ariolis zu sagen: «Man darf die Grünflächen nicht nur für die Augen herstellen. Man muss sie in erster Linie für den tatsächlichen Gebrauch einrichten.»
 

Johannes Stoffler, Landschaftsarchitekt

Zeitschrift

Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine 2/2025 «Berggemeinden im Aufbruch» (erschienen am 27. Mai 2025).

Broschüre

Dieser (leicht gekürzte) Artikel stammt aus unserer Publikation zum Schulthess Gartenpreis «Kannenfeldpark Basel». Sie ist in unserem Online-Shop erhältlich. 

Preisverleihung

Die Übergabe des Schulthess Gartenpreises findet am 28. Juni 2025 im Rahmen einer öffentlichen Feier statt.