Über zahlreiche nach Süden ausgerichtete Stufen erstreckt sich der Terrassengarten des kulturklosters altdorf. Zypressen, Hanfpalmen, Oliven- und Feigenbäume verleihen dem Garten schon aus der Distanz einen mediterranen Charakter. Umgeben vom windigen Reusstal und den weissen Spitzen von Uri Rotstock, Windgällen, Bristen und Oberalpstock, nur gut 30 Kilometer von der Passhöhe des Gotthard entfernt. Die geheime Zutat dieser klimatischen Nische ist der Föhn. Das Klima Altdorfs ist im Durchschnitt wärmer als jenes vieler Städte im Mittelland. Hier erwärmt sich der südexponierte Hang unter dem Fulen auch im Herbst noch gerne auf sommerliche 20 Grad. Und selbst die Durchschnittstemperaturen der Wintermonate überraschen für einen Standort in den zentralen Alpen. Sie liegen in vielen Jahren im positiven Bereich – der ideale Standort für sonst frostgefährdete Pflanzenarten.
Von Mailand und dem Veltlin kommend, muss dieser Ort für Franz von Bormio, den Gründer der Schweizer Kapuzinerprovinz, eine besondere Anziehungskraft ausgestrahlt haben. Vielleicht haben das Klima und die für die zentralalpine Lage ausgedehnte Besonnungszeit die Gründung dieses ersten Kapuzinerklosters nördlich der Alpen im Jahr 1581 begünstigt. Besonders aber bot das neue Kloster, erhaben über Altdorf gelegen, einen sinnbildlichen religiösen Schutz für das Dorf vor dem durch Steinschlag geprägten Steilhang darüber.
Klostergärten waren schon immer Zentren der botanischen Vielfalt, wie ein Blick auf die frühen Werke der Benediktiner – etwa der St. Galler Klosterplan von 825 oder die gartenbaulichen Schriften von Walahfrid Strabo von der Reichenau um 840 –verraten. Wärme liebende Arten wie Feigen- und Kastanienbäume, Muskatellersalbei, Andorn und Schwertlilien – sie alle kannten die Mönche schon im Mittelalter. Durch die literaturkundigen Brüder kamen die Früchte und Gewürze des Südens zunehmend auch in die nördlich der grossen Pässe liegenden Gärten, die so zu Zentren des Wissens um Medizinalpflanzen wurden. Anders als die Benediktiner leben die Kapuziner aber nicht monastisch. Als Pilger prägen sie die Gärten darum nie ein ganzes Leben lang, sondern jeweils nur für wenige Jahre.
Über Jahrhunderte haben Brüder mit individuellen Interessen den Garten in Altdorf gehegt und gepflegt. Zentral war immer der Selbstversorgergarten, in dem Kartoffeln und Gemüse für das tägliche Leben wuchsen. Auch Nussbäume und Fruchtgehölze wie Birnen, Kirschen, Äpfel, Aprikosen und Johannisbeeren waren wesentlich. Zuletzt trugen auch Kiwis und Persimonen zu dieser Vielfalt bei. Gleichzeitig war auch die Ziergartenkunst Element der klösterlichen Gartentradition: der fein säuberliche Formschnitt in Buchs und Stechpalme oder das Züchten des Blumenschmucks für die Kirche. Die Gärten des Kapuzinerordens waren Teil der Klausur und daher für die Öffentlichkeit geschlossen. Sie wurden ausschliesslich durch die Brüder bewirtschaftet und gepflegt.
Der Orden der Kapuziner knüpft an das Wanderleben des Franziskus von Assisi an. In dieser Tradition wechseln die Brüder etwa alle sechs Jahre von einem Kloster in das nächste. Mit den Bewohnern des Klosters wandelte sich auch die Handschrift des Gartens. Veränderung ist ein wichtiges Motiv, das sich so auch in der Gartengestaltung und den hier wachsenden Pflanzen wiederfindet. Mit Pflanzensamen aus den anderen Klöstern, auch jenen südlich der Alpen, wurden neue Pflanzenarten in die Innerschweiz gebracht. So stammen etwa die Hanfpalmen von einem Bruder, der zuletzt im Kloster der Wallfahrtskirche Madonna del Sasso bei Locarno wohnte.
Wesentlich hat Bruder Johannes Chrysostomus Amrein die Gartenanlage geprägt, als er von 1879 bis 1886 im Kapuzinerkloster Altdorf als Vikar amtete. Amrein hat sich besonders als Pomologe einen Namen gemacht und mehrere Bücher über die Obstkultur verfasst. Ihm ist die Tradition der Obstspaliere in der Gartenanlage zu verdanken. Laut der Schweizer Kirchenzeitung «verwertete er besonders durch die kunstreiche Anlage des Klostergartens seine pomologischen Kenntnisse», für die er zu seiner Zeit Bekanntheit genoss. Der Garten wurde stets von den Klosterbrüdern und ihren spezifischen Interessen geprägt. Historische Fotografien aus dem späten 19. Jahrhundert zeigen Rosen und exotische Topfpflanzen im geschützten Kreuzgang. Die allgegenwärtige Stechpalme hatte für ihre Verwendung am Palmsonntag einen wichtigen Platz im Garten. Auch alte Rechnungen geben Einblick in die Pflanzlisten ihrer Zeit: So wurden in den 1940er-Jahren neben Stein- und Kernobst auch eine Trauerweide, Tannen und Schwarzkiefern neu gepflanzt.
Nach dem Bau des neuen Westflügels in den späten 1960er-Jahren liessen die Brüder den Garten erneuern: Es wurden zeittypische Zierbäume wie ein Trompetenbaum, eine Zeder und ein Japanischer Katsurabaum mit seinem süsslich duftenden Laub gepflanzt. Typisch für die Epoche, entstand auch ein Moorbeet mit Rhododendren und Azaleen. In den 1980er-Jahren prägte der ehemalige Spitalgärtner Alois Baumann den Garten und erweiterte den Anteil exotischer Gehölze: Es kamen ein amerikanischer Amberbaum und eine Blasenesche aus China hinzu. Einen besonderen Charakter verleihen dem Terrassengarten seither auch die rund zwei Dutzend Säulenzypressen. Sie wurden durch Spenden aus dem Klosterkreis ermöglicht und in einer Pflanzaktion gemeinsam an ihre heutige Position gebracht. Heute weckt der Garten gerade ihretwegen Ferienerinnerungen an die Toskana und die Provence und erzeugt den Eindruck einer mediterranen Enklave, umgeben von montanem Mischwald. Als im Jahr 1997 das Meditationszentrum Haus der Stille ins Kloster in Altdorf verlegt wurde, gewann der Garten zunehmend als Rückzugsort an Bedeutung. Auch Bruder Paul Mathis, der letzte Gärtner des Kapuzinerordens in Altdorf, brachte seine eigene Handschrift ein und pflanzte etwa die noch heute präsente, rankende Passionsblume.
Nach der Übernahme durch eine private Pächterschaft im Jahr 2010 öffnete sich der Garten für die Bevölkerung. Gleichzeitig wurde die Tradition von Veränderung und Selbstversorgung weitergetragen. Eine neue Prägung erlebte der Garten nun durch die Leidenschaft Eduard Indermaurs für Färbepflanzen. Über zehn Jahre lang schrieb er dem Garten diese neue Bedeutung zu, die auch in der Tradition vieler Klostergärten verankert ist. Rund 200 Pflanzenarten zum Färben von Wolle und Stoffen zog er auf den Terrassen und beschrieb sie für Besucherinnen und Besucher detailliert auf Schiefertafeln. Neben heimischen Wildpflanzen wie dem Rainfarn und dem Hohen Fingerkraut zog er auch Exoten und alte Kulturrelikte wie den Färberkrapp und den Färberwaid am südexponierten Hang. Indermaur setzte das alte Färberwissen auch direkt in die Tat um und färbte mit der riesigen Farbpalette Wolle für die Kunstwerke seiner Frau Margrit.
Mit dem erneuten Wechsel in der Bewirtschaftung 2020 legt das Konzept des Vereins kulturkloster altdorf einen stärkeren Fokus auf die ökologischen Werte. Seither sind auch die heimischen Wildpflanzen zu einem wichtigen Teil der Gartengestaltung geworden. An Wegrändern werden Nesselblättrige Glockenblumen, Roter Fingerhut, Acker-Vergissmeinnicht, Spornblume, Saat-Mohn und Hopfenklee nicht ausgejätet, sondern in die wilde Gestaltung integriert. Unzählige Pollen und Nektar trinkende Insekten bestätigen im Sommer den Wert dieser Pflanzenvielfalt. Strukturelemente wie Totholz, Asthaufen und eine Kompostanlage schaffen Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. Auch diese Neuausrichtung greift – wohl ohne Vorsatz – die Tradition des heiligen Franziskus auf, der in den Tieren und in der Natur Brüder und Schwestern sah. Mit Hecken, den bestehenden Natursteinmauern, Säumen und Wiesenblumen finden sich auch Elemente der traditionellen bäuerlichen Kulturlandschaft in der Anlage integriert. Kleine Tümpel schaffen Habitate für feuchtigkeitsliebende Amphibien, Mauereidechsen wärmen sich an den exponierten Steinmauern. Vielfältig ist der Terrassengarten heute für die Natur, aber auch in der Nutzung. Denn auch der Gemüseanbau geht nicht vergessen, er erfolgt biologisch für den Eigenbedarf. Hier werden auch Permakulturideale umgesetzt, es wächst Spargel, Kürbis und Wintersalat.
Jonas Frei, Landschaftsarchitekt und Stadtökologe