Es ist kurz vor neun Uhr abends. Schaffhausen hüllt sich in das warme Licht der Strassenlaternen, frischer Schnee liegt auf den Dächern der Altstadt. Dann legt sich der Klang des «Nüniglöggli» über die Stille, von Hand geläutet, wie seit Jahrhunderten. Für viele ist es das akustische Zeichen des Tagesendes, der liebgewonnene Gute-Nacht-Gruss. Für Sabine Hinz ist es in der Regel die letzte Amtshandlung: «Danach habe ich meistens Feierabend.» Das tägliche Läuten des 420 Kilogramm schweren «Glöggli» gehört zur Identität Schaffhausens. Um kurz nach neun Uhr erhält Familie Hinz die ersten Nachrichten aus dem Quartier und der Stadt: «Wir wünschen euch auch eine gute Nacht!» oder «Vielen Dank fürs Läuten.» Das traditionelle Glockengeläut macht nur einen winzigen Teil ihrer Arbeit aus. Wie so vieles am Munot: Sind die vielen kleinen Aufgaben erledigt, bemerkt es kaum jemand. Erst wenn etwas fehlt, klingelt das Telefon im Turm.
Sabine Hinz ist seit Mai 2025 Munotwächterin und lebt mit ihrem Mann Andi und ihren zwei Kindern im Turm der Festung. Da sie sieben Tage die Woche verfügbar sein müssen, teilen sich Sabine und Andi die Arbeit auf. Im Sommer sind die Nächte oft kurz, manchmal nur drei Stunden lang – «wie auf einem Bauernhof», ergänzt Sabine. Es gibt fixe Aufgaben, die immer anfallen: Das Öffnen und Schliessen der Festungsanlage, das Wegräumen von Abfall und das Reinigen der Toilettenanlagen, das Füttern der Damhirsche. Pflege und Unterhalt bestehen hier aus tausend kleinen Handgriffen. Weitere Aufgaben kommen situativ dazu: Sabine und Andi geben Führungen zur Geschichte des Munots, bereiten die Anlage auf Feste vor, schauen hier und da nach dem Rechten, entfernen Taubendreck, schaufeln Schnee.
«Kein Tag ist wie der andere», sagt Sabine und schiebt beiläufig den Schnee von zwei Informationstafeln, damit diese wieder lesbar sind. Sie sind Auskunftspersonen, Koordinatoren und Haustechniker in einem – eine Schnittstelle, an der alle Fäden zusammenlaufen. Kurz unterbricht sie unser Gespräch, um mit einem Gebäudekletterer in gelber Leuchtweste einen nächsten Einsatz zu besprechen; eben erst hatte er die Weihnachtsbeleuchtung abgehängt. «Hier kommen so viele verschiedene Leute vorbei», sagt sie später. «Ich lerne von ihnen wahnsinnig viel.»
Sabine eignet sich ihr Wissen Schritt für Schritt an, etwa in der Reitschnecke, einer spiralförmigen Rampe mit einer Steigung von 15 Prozent. Die traditionelle Pflästerung aus Flusssteinen war durch die jahrhundertelange Nutzung glatt und rutschig geworden. In aufwendiger Handarbeit nahmen Fachpersonen jeden einzelnen Stein aus dem Sandbett, rauten ihn mit einem Meissel an und setzten ihn in frischem Sand wieder ein. Nun ist Sabine für den laufenden Unterhalt zuständig: Sie behandelt den Boden regelmässig, damit sich der Sand verdichtet. Mit einem Rucksackgerät sprüht sie dafür einen feinen Wassernebel auf den Belag – «richtig Ghostbusters-mässig», wie sie lachend sagt. «Ich bin weder Pflästerin noch Denkmalpflegerin», ergänzt sie, «aber ich führe die Arbeiten gemäss den Angaben der Denkmalpflege aus.»
Beobachtung ist für die Arbeit des Ehepaars Hinz zentral. Tropft es irgendwo? Wie verhalten sich die Hirsche? Sind die Tauben wieder unter das Dach der Kolonnade gezogen und könnten dadurch die neue Brandmeldeanlage auslösen? «Wir müssen die Lösungen für diese Probleme nicht finden», meint Sabine. Als Haustechniker sind sie jedoch dafür verantwortlich, Auffälligkeiten zu melden und an der richtigen Stelle anzuklopfen. Welche Fachstelle wofür zuständig ist, erschliesst sich nicht immer auf den ersten Blick – auch dieses Wissen eignen sie sich nach und nach an.
Aus den Beobachtungen entstehen oft bauliche und technische Lösungen, die den Ansprüchen der Denkmalpflege ebenso gerecht werden müssen wie der heutigen Nutzung. Moderne Technik ist dabei kein Widerspruch. Die Beleuchtung des Munots ist neu, die Brandmeldeanlage ebenso. Vieles lässt sich heute per Smartphone steuern. Lampen können versenkt werden, etwa für Kinoabende. Ganz frisch hinzugekommen ist die neue Brücke über den Munotgraben, die kurz vor Weihnachten eröffnet wurde. «Mir gefällt die Verbindung von neuer Technik und alter Bausubstanz», findet Sabine. Gleichzeitig wächst die Sorge um jedes neue Element: Verkratzt der Lampenpfosten? Hält das Material der Nutzung stand? Ein lebendiges Baudenkmal muss auch belastbar sein.
«Ein Ort wie der Munot wird besser unterhalten, wenn man darin lebt», sagt Sabine. Damit wird er einem in kurzer Zeit vertraut. Gleichzeitig ist das Wissen fragil und muss bei jedem Wächter- oder Wächterinnenwechsel gut weitergegeben werden. Viele kleine Aufgaben werden im Laufe der Jahre selbstverständlich. Darum ist Sabine froh um Telefonnummern, um Ansprechpartner, um den Austausch und dafür, dass sie die Aufgaben mit Andi teilen kann. «Jeder hat einen anderen Blick», sagt sie, «und manche handwerklichen oder körperlichen Arbeiten liegen meinem Mann besser.» Damit meint sie etwa das Abdecken eines Brandmelders auf einer Leiter oder das Öffnen des schweren Eisendeckels im Wehrgang. Auch beim Zuordnen von Geräuschen ergänzen sie sich: Das Scheppern der Kette der Zeitglocke hielt Sabine zunächst für Mäuse in der Wand. Heute weiss sie es besser. Übrigens muss einmal im Jahr auf genau dieser Glocke die Quersumme des Jahres geläutet werden, zum Abschluss des «Wümmens». Tradition verpflichtet.
Der Munot ist für die Familie Hinz wie ein weiteres Familienmitglied: «Das ganze Leben orientiert sich an ihm, wir sind ständig für ihn da.» Ihr Respekt für diese besondere Aufgabe zeigt sich in der Liebe zum Detail bei jeder noch so kleinen Arbeit am Munot. Die Selbstverständlichkeit, mit der man sich um ihn kümmert, als gehöre er zur Familie, schafft eine besondere Verbindung zum Bauwerk und zur Bevölkerung. Besonders spürbar wird das, wenn das «Nüniglöggli» vom Munot herab läutet, die Lichter im Quartier ausgehen und kurz darauf im Turm die Nachricht ankommt: «Heute habt ihr besonders schön geläutet.»
Natalie Schärer, Redaktorin