Baukultur

«Patina kann man nicht neu bauen»

Interview mit Vécsey Schmidt Architekt:innen – Das Pfarrhaus Elisabethen in Basel stammt aus der Feder von Johann Jakob Stehlin dem Jüngeren, der damit 1867 das kirchliche Ensemble von Elisabethenkirche, Pfarrgarten und -haus abschloss. Während die Pfarrfamilie die vornehme Bel­­eta­ge bewohnte, blieben die Dachgeschosse weitgehend unausgebaut. Diese Differenzie­rung ist auch heute, nach dem Umbau durch Vécsey Schmidt Architekt:innen, gut sichtbar. Sie sind in die oberen Geschosse eingezogen und berichten aus der Perspektive der Planenden und Nutzenden.

Wie sind Sie an die Umbauaufgabe herangegangen?

Susanne Vécsey: Am Anfang einer Umbauaufgabe lernt man das Haus kennen und versucht, die formulierten Wünsche einer Bauherrschaft damit in Einklang zu bringen. Bei diesem Projekt haben wir früh entschieden, die Differenzierung zwischen der Beletage und dem nur teilweise ausgebauten Estrich noch stärker herauszuarbeiten. Gleichzeitig hatten wir den Wunsch, uns zurückzunehmen und weniger einzugreifen, als man sonst reflexartig macht. So konsequent haben wir das noch nie umgesetzt, aber es hat uns überzeugt.

Vor rund zwei Jahren haben Sie Ihr Architekturbüro hierher verlegt. Wie spiegelt dieses Projekt die Haltung Ihres Büros wider?

Christoph Schmidt: Konzepte, die für ein Projekt gut sind, müssen nicht für andere geeignet sein, auch wenn es sich um eine vermeintlich ähnliche Aufgabe handelt. Bei einem anderen Projekt wäre es nicht passend gewe­sen, die Spuren der Zeit so zu belassen wie in diesem Fall.

Vécsey: Wenn wir umbauen, versuchen wir, uns vom Bestand inspirieren zu lassen. Gleichzeitig spielt die Bauherrschaft mit ihren Wünschen und Vorstellungen eine grosse Rolle, und Bauen ist ein Zusammenspiel. Die Vermittlung zwischen den Entscheidungs­trägern und dem, was der Bestand vorgibt, ist uns ein Anliegen.

Welche Herausforderungen gab es, und wie haben Sie diese gemeistert?

Schmidt: Die grösste Herausforderung war, die Ansprüche der Behörden unter einen Hut zu bringen. Dafür haben wir alle Beteiligten früh einge­bunden und gemeinsam mit der Bauherrschaft immer wieder Begehungen durchgeführt.

Was war das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Schmidt: Interessant finde ich, dass der repräsentative Charakter des Hauses nur im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss weiterverfolgt wurde; dort haben wir eng mit der Denk­malpflege und der Restauratorin zusammengearbeit. Im Dachgeschoss hingegen strahlen die Räume einen beinahe industriellen Charakteraus, den man von aussen gar nicht erwartet. Gestalterisch war das für uns eine Heraus­forderung im positiven Sinne: Wie schafft man das mit einer Selbst­ver­ständlichkeit und ohne komisch zu wirken?

Vécsey: Dieses Projekt war auch ein Versuch, Qualität durch sorgfältige Planung und nicht durch edle Mate­rialien zu erreichen.

Wie sind Sie mit den «Gebrauchs­spuren» des Bestands umgegangen?

Schmidt: Patina kann man ja nicht neu bauen. Wenn man davon ausgeht, dass Alter an einem Haus auch etwas Schönes sein kann, dann geht man mit Altersspuren ganz anders um. Wir haben beispielsweise auch Wasch­becken aus anderen Umbauprojekten eingebaut. Diese gebrauchten Bauteile fügen sich ganz selbstverständlich ein.

Vécsey: Nutzungsspuren werden oft als «Schmutz» abgetan. Aber kann man das nur so negativ sehen, oder ist es nicht auch einfach eine zusätzliche Farbe auf der Oberfläche? Früher hat man notgedrungen viel mehr mit alter Bausubstanz gearbeitet, weil man es sich nicht leisten konnte, alles zu er­neu­ern. Heute ist die Motivation, etwas zu erhalten, eine andere: Man hält sich zurück aus einem Suffizienzgedanken heraus oder weil man merkt, dass man mit weniger zufrieden sein kann.

Gibt es Komforteinbussen, weil möglichst viel erhalten werden sollte?

Schmidt: Für manche mag ein alter Boden vielleicht eine Komforteinbusse sein, weil er nicht ganz eben ist, knarrt und die Trittschalldämmung nicht Neu­baustandard ist. Auf der anderen Seite hat er unglaublich viel Charme und erzählt etwas über die Geschichte des Raums. Aber wir haben nichts verunmöglicht: Wir haben einfach aufgehört zu bauen, kurz bevor das Haus wie neu war. Man könnte theoretisch weiterbauen, wenn man wollte.

Würden Sie, auch aus heutiger Nutzerperspektive, immer noch alles gleich machen?

Vécsey: Wir würden das Sitzungszimmer über das Dach entlüften (lacht). Und natürlich gibt es weitere Kleinigkeiten, von denen wir nicht restlos überzeugt sind und die wir beim nächsten Mal anders lösen würden.

Schmidt: Bei einigen Detaillösungen hätten wir meiner Meinung nach noch experimenteller sein können.

Vécsey: Aber im Grossen und Ganzen gefällt mir das Ergebnis sehr gut. Man spürt, dass wir die Dachräume für unsere Nutzung massschneidern konnten. 


Das Interview führte Natalie Schärer. 

Auszeichnung

Bautenprämierung des Heimatschutz Basel
Im November 2023 zeichnete der Heimatschutz Basel den Umbau des ehemaligen Pfarrhauses Elisabethen aus und würdigte den sorgfältigen Umgang mit dem Bestand.