«Teller bekommt man heute in Solothurn keine mehr.» Lukas Rüefli schmunzelt, als er erzählt, dass seine Eltern jeweils einen edlen Teller als Belohnung für die gepflegte Fassade ihres Altstadthauses erhalten haben. Eine kleine Geste der Stadtverwaltung für ein attraktives Stadtbild. Doch auch ohne Aussicht auf einen Teller kümmern sich Lukas Rüefli und seine Partnerin Fabienne Gonseth um ihre beiden Liegenschaften. Und nicht nur um die Fassade, denn die Altstadt braucht für das Paar mehr als einen schönen Anstrich und Blumentröge: «Diese Häuser müssen ein Innenleben haben, in ihnen soll gewohnt und gearbeitet werden. So können sie die Altstadt von innen heraus beleben.»
Mit ihren beiden Töchtern im Teenageralter leben die beiden am Friedhofplatz, mitten in der Solothurner Altstadt. Während viele Paare in der Phase der Familiengründung die Kernstadt verlassen, war es für Lukas und Fabienne klar, dass sie mitten im Geschehen bleiben wollen. Mit ihren verkehrsberuhigten Gassen, Gässchen, Plätzen und Höfen bieten historische Stadtkerne unzählige Spielmöglichkeiten. Jetzt, wo die Töchter schon grösser sind, wird die Wohnung im Zentrum zum beliebten Treffpunkt für Freundinnen.
Lukas und Fabienne verfolgen bei der Nutzung ihrer Häuser ein einfaches Konzept: «Unsere Devise ist: Ohne Altstadtwohnen kein Gewerbe. Wohnen und Kleingewerbe ergänzen sich.» Im Erdgeschoss ihres Wohnhauses ist ein Schmuckladen eingemietet, in der der zweiten Liegenschaft ein kleines Restaurant. Die Mieteinnahmen aus den Wohnungen in den oberen Stockwerken ermöglichen es ihnen, die Erdgeschossflächen zu vernünftigen Preisen an kleine, innovative Gewerbetreibende zu vermieten. So leistet das Paar einen Beitrag zu einem attraktiven Gewerbemix jenseits der viel beklagten Monokultur mit internationalen Ketten.
Lukas engagiert sich seit einigen Jahren im Vorstand von «Altstadtwohnen Solothurn». Der Verein will die Altstadt als Wohn- und Lebensraum positionieren und die Anliegen der Bewohnerinnen und Bewohner gegenüber der Stadt und anderen Akteuren vertreten. «Am Anfang war der Verein ein Blitzableiter für über Jahre aufgestauten Frust», erzählt Lukas. Heute sucht man nach Gemeinsamkeiten und unterstützt sich gegenseitig bei Themen wie Restaurierung, Lärmbelastung oder Energieversorgung. Auch die Zusammenarbeit mit der Stadt hat sich verändert: Anstatt Teller zu verteilen, initiierte das Stadtpräsidium einen Dialogprozess mit den Interessensgruppen der Altstadt.
Es ist viel los auf wenig Raum in Solothurn – und in anderen Altstädten. Wenn diese identitätsstiftenden Stadträume mehr sein sollen als hübsche Kulissen für Social-Media-Posts, müssen sie verdichtete und nachhaltige Wohn- und Lebensräume bieten. Dafür braucht es Hausbesitzerinnen und -besitzer wie Lukas und Fabienne: mit Liebe zur Altstadt – zu ihrem «Cachet», wie sie die verwinkelten Ecken und Nischen nennen – und mit dem Blick für ihre Zukunft.
Judith Schubiger, Leiterin Heimatschutzzentrum
Die Geschichte von Lukas Rüefli und Fabienne Gonseth ist eine von über 30, die in der Ausstellung zu sehen und hören sind. Besucherinnen und Besucher treffen in neun Gassen auf Personen, die in historischen Stadtkernen leben, wirken, arbeiten oder dazu forschen. Daraus ergibt sich ein dichtes Geflecht von Stimmen, welches die Altstadt als besonderen städtebaulichen und sozialen Raum erfahrbar macht. Die Ausstellung wurde in einem partizipativen Prozess mit Menschen aus über 20 Altstädten entwickelt und läuft bis Anfang 2027.