Die Verleihung des Wakkerpreises 2025 an Poschiavo beruht vor allem auf dem Kontrast zwischen der peripheren Lage des Tals und dem lebendigen kulturellen und sozialen Leben. Sie ist auch auf die städtebauliche Qualität dieses «Bergdorfs» mit seinen «Palazzi» und Gärten zurückzuführen. Diese wurden von ausgewanderten Gastwirten und Konditoren in Auftrag gegeben, die nach ihrem Erfolg im Ausland in die Heimat zurückgekehrt waren. Hinzu kommen einige Werke zeitgenössischer Architektur. Zwei davon stammen aus der Feder des Architekten Luigi Caccia Dominioni: das neue Kloster «Santa Maria Presentata» (1968–1972) und die «Casa di riposo» (1979–1982).
Der Mailänder Architekt und seine Werke sind nicht allen bekannt. Ich selbst habe während meines Studiums in Zürich in den 1980er Jahren nichts von ihm gehört. Erst später, Ende der 1990er-Jahre, lernte ich ihn durch die Professoren Bruno Reichlin und Alberto Grimoldi am Institut für Architektur der Universität Genf kennen.
Eine Recherche in E-Periodica, dem digitalisierten Zeitschriftenbestand der ETH Zürich, zeigt, dass ich in der Schweiz nicht der Einzige bin, der das Werk von Luigi Caccia Dominioni lange Zeit nicht kannte. Sein Name taucht zwar 1958 und 1964 in Das Werk auf, aber nicht, um seine architektonischen Arbeiten vorzustellen, sondern weil er damals Jurymitglied des internationalen Möbelwettbewerbs in Cantù bei Como war. Erst 1996 erschien in Werk, Bauen + Wohnen ein Artikel mit dem Titel «Hierarchische Konkurrenz», der einige bezeichnende Bauten des Mailänder Architekten vorgestellt, etwa das Wohngebäude an der Piazza Carbonari (1960–1961) und die Bürogebäude am Corso Europa (1953–1959 und 1963–1966). Die Architektin Astrid Staufer analysiert darin die komplexe Entwurfsstrategie des italienischen Meisters, indem sie die besonderen Beziehungen zwischen den Grundrissen und den Fassaden seiner Bauten untersucht. Im Jahr 2005 setzt die Architektin Elli Mosayebi diese Analyse im Artikel «Wege und Räume» in derselben Zeitschrift fort. Anhand der Grundrisse der Wohnbauten in der Via Vigoni (1955–1959) und am Corso Italia (1957–1961) zeigt die Autorin, wie Caccia Dominioni seine Gebäude von innen nach aussen gestaltet und sich von den Bewegungen der Bewohner und Bewohnerinnen leiten lässt, um den Raum zu formen. Aus diesem Entwurfsprozess entstehen aussergewöhnliche Wohnungen, die sowohl der bürgerlichen Wohnkultur als auch der modernen Architektur zuzuschreiben sind.
Im Jahr 2013, anlässlich des hundertsten Geburtstags von Luigi Caccia Dominioni, waren die Autorinnen dieser beiden Artikel Gastredakteurinnen einer Ausgabe von Werk, Bauen + Wohnen, das dem Werk des Architekten gewidmet war. Die Architektur von Caccia Dominioni wurde dadurch nach und nach zu einer Referenz für viele Architekturschaffende in der Schweiz geworden. In einem Artikel, der letztes Jahr in Frankreich erschien, stellt die Architektin und Professorin Annalisa Viati Navone fest: «Seine warmen und komfortablen Innenräume spiegeln die raffinierte Schichtung einer umfangreichen historischen Kultur wider, die selbst einem bescheidenen Wohnhaus eine edle Ausstrahlung verleihen kann. In Kombination mit der unkonventionellen Gestaltung seiner Fassaden haben sie kürzlich die Bewunderung einer Reihe von Architekten aus der Deutschschweiz geweckt, was dem Architekten plötzlich kritische Anerkennung einbrachte.»
Trotz der Beachtung, die der Architektur von Caccia Dominioni heute in der Schweiz zuteil wird, bleiben seine beiden in Poschiavo errichteten Gebäude nach wie vor wenig bekannt. Sie gehören zu einem anderen Bereich seines Schaffens, den Alberto Gavazzi und Marco Ghilotti in einem Buch vorstellen, das 2010 bei Skira erschien: Luigi Caccia Dominioni, architettura in Valtellina e nei Grigioni. Der Architekt verbrachte einen Teil seiner Kindheit und Jugend in Morbegno am Eingang zum Veltlin. Er blieb dieser Gegend verbunden und errichtete dort im Laufe seiner Karriere zahlreiche Gebäude. Diese unterscheiden sich von seinen Mailänder Werken vor allem in ihrer Ausdrucksweise, zeigen jedoch dieselbe kreative Originalität.
Da er aus einer Familie stammte, zu der mindestens ein Bischof (Carlo, 1802–1866) und ein Kardinal (Camillo, 1877–1946) gehörten, lag es auf der Hand, dass sich Caccia Dominioni auch religiösen Bauaufgaben widmete. Eines seiner ersten Projekte in Mailand war das «Convento e Istituto della Beata Vergine Addolorata» (1948–1954), ein Waisenhaus und Frauenkloster. Anschliessend errichtete er dort das «Convento di San Antonio Frati Minori» (1960–1963). Dabei fügte er in einen Komplex alter Gebäude einen neunstöckigen Backsteinturm ein, der als Wohnheim für Studenten eines Kollegiums diente. In Poschiavo beauftragten ihn die Augustinerinnen für zwei Bauwerke: das neue Kloster und das Altersheim.
Christian Bischoff, Architekt