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Holzschatulle im Herrschaftshaus

Ein kollektiver kultureller Ort für das Oberengadin – das ist die neue Bestimmung der Chesa Planta in Zuoz. Kürzlich ist das Kulturarchiv Oberengadin in das frisch umgebaute Haus eingezogen. Die stimmungsvollen Räume laden zum Forschen, zum Erinnern und zum Austausch ein.

Der Dorfplatz von Zuoz ist von mächtigen, alten Häusern eingefasst. Wer hier baute, hatte im Ort etwas zu sagen. Der Repräsentationsanspruch der breiten, herrschaftlichen Bauten mit ihren flachgeneigten Satteldächern ist unübersehbar, doch stehen sie auch für eine vergangene Lebensform. Lange war die Chesa Planta Suot ein stummer Teilnehmer in diesem Ensemble, viele ihrer Räume waren ungenutzt. Doch was sollte aus dem imposanten Patrizierhaus werden? Erst der Projekt- und Nutzungsvorschlag des Architekten Urs Padrun zeigte 2020 auf, wie sich aristokratische Baukultur mit einem kulturellen Mehrwert für alle verbinden liess. Nun ist dort das Kulturarchiv Oberengadin eingezogen. Seit 1988 sammelt es Zeugnisse der Oberengadiner Lebenswelt vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. «Unser Kulturbegriff ist bewusst sehr breit gefasst», sagt Kurt Gritsch. Er leitet das als Verein organisierte Archiv und koordinierte dessen Umzug von Samedan an den neuen Standort. So finden sich in den Beständen die Nachlässe bedeutender Persönlichkeiten genauso wie Gegenstände der Alltagskultur.

Steiniger Weg zum Kulturspeicher 

Sammeln heisst erhalten und aufbewahren, aber auch ordnen, katalogisieren und zugänglich machen. Das Kulturarchiv steht heute Forschenden und der interessierten Öffentlichkeit offen. Den geeigneten Ort dafür erkannte der Architekt im ehemaligen Speicherteil des Hauses. Die Gemeinde und der Stiftungsfonds der Familie von Planta unterstützten diese Idee. Wo einst Heu und Getreide gelagert wurden, sollten Archivalien und Sammlungsgegenstände Platz finden. Bevor diese jedoch im Herbst 2024 aus einem Samedaner Kellergewölbe in den «Geschichtenspeicher» nach Zuoz zügeln konnten, war ein aufwendiger Umbau notwendig. 

Wie mächtig das Haus ist, zeigt die siebenstöckige Giebelfassade. Um ihr Halt zu geben, wölben sich schon seit mehr als hundert Jahren drei Stützbögen pittoresk über die Hauptgasse zum Anbau des Tuor Planta, eines mittelalterlichen Wohnturms. Dass die Stabilität der hohen Mauer erneut zum Problem werden könnte, zeigte sich erst während des Rückbaus. «Wir mussten die Baustelle unterbrechen, um die Kosten nachzurechnen. Erst danach ging es in Etappen weiter», erzählt Urs Padrun. Neben den statischen Verstärkungen und den neu eingebauten Archivräumen aus Holz wurden auch Steinböden neu verlegt und Stuckdecken restauriert. Beton kam nur dort zum Einsatz, wo er notwendig war: für einen Lift, dessen Schacht das Haus zusätzlich stabilisiert, sowie für eine neue Fluchttreppe, die auch zu den beiden Wohnungen in den oberen Geschossen führt. Dass nach drei Jahren Bauzeit Alt und Neu selbstverständlich zueinanderfinden, zeugt von einer grossen Sensibilität für bestehende Qualitäten, aber auch für geeignete Ergänzungen.

Geschichte erlebbar machen

Das Doppelhaus der von Plantas folgt der bäuerlichen Typologie des Engadiner Wohnstallhauses: An der Traufseite führt eine stattliche Treppe vom Platz in den flach eingewölbten Sulèr, einen breiten Flur. Anzahl, Grösse und Ausstattung der Räume lassen die gesellschaftliche Bedeutung der einstigen Bewohnerschaft erahnen. Auf den beiden Hauptgeschossen befinden sich heute Arbeitszimmer, während der hintere Hausteil das Archiv birgt: Vom Keller bis unter das Dach stapeln sich hier über sechs Geschosse hinweg Dokumente und Objekte. Nur wenig Tageslicht dringt durch die kleinen Öffnungen des ehemaligen Heustocks. 

Das Herz des Archivs bildet ein hoher Raum, der mit seiner Holzkonstruktion das Speichern neu interpretiert. Auf zwei Ebenen lagern hier, in Holzregalen entlang der Wände und der Brüstung, unzählige Archivschachteln – und in ihnen die Fülle der im Oberengadin gelebten Leben. Für Kurt Gritsch ist das Kulturarchiv aber noch mehr: ein lebendiger Ort, der sich Gästen sowie der Dorfgemeinschaft öffnet und der die Talschaft einbindet. Davon zeugen Filmpräsentationen, Ausstellungen und Führungen, die dieses Jahr auf dem Programm stehen.


Lucia Gratz, Architektin und Redaktorin der Zeitschrift werk, bauen + wohnen

Kulturarchiv Oberengadin

Das Kulturarchiv Oberengadin versteht sich als kulturelles Gedächtnis der Region: Seit seiner Gründung 1988 sammelt es Dokumente zur Kultur und Natur des Engadins und bewahrt sie für kommende Generationen auf. Dadurch leistet es einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Engadiner Vergangenheit und Gegenwart. Getragen wird das Archiv vom gleichnamigen Verein, der aus privater Initiative entstanden ist. Ziel ist es, Wissen nicht nur zu bewahren, sondern aktiv zu vermitteln, etwa über einen digitalen Katalog, Publikationen, Ausstellungen und weitere Formate. So bleiben die Geschichten aus dem Archiv lebendig und zugänglich für Forschung und Öffentlichkeit. Das Kulturarchiv Oberengadin bietet jeden Donnerstag Führungen durch das Archiv an. Anmeldung: info(at)kulturarchiv.ch

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Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine 1/2026 «Unser Kulturerbe pflegen» (erschienen am 24. Februar 2026).