Es war ein regnerischer Tag im Spätherbst. Das neue Kloster war bereit, die Schwestern würdig aufzunehmen, doch die Arbeiten an der Kapelle waren noch nicht abgeschlossen. Die erste Messe wurde daher von Pater Giuseppe Ferin vom Orden der Servitenbrüder Mariens im Kapitelsaal gefeiert. Durch die Vermittlung dieses Ordensbruders waren die Augustinerinnen mit dem Mailänder Architekten Luigi Caccia Dominioni (1913–2016) in Kontakt gekommen.
Dem Architekten war weder die Region noch das Programm fremd. Er hatte einen Grossteil seiner Jugend im benachbarten Veltlin verbracht, und seine Familie besass ein Ferienhaus in der Altstadt von Celerina im Oberengadin, das er gekonnt sanierte (1960–1970). Er hatte bereits zahlreiche Sakralbauten realisiert. Ende der 1960er-Jahre wurden der Bau der Kirchen und Pfarrzentren San Biagio in Monza (1965–1968) und Madonna delle Grazie in Morbegno (1967–1969) abgeschlossen.
Schon zu Beginn ihrer Amtszeit, im Jahr 1964, hatte sich die Oberin, Schwester Cristina Plozza, darum bemüht, die Lebensbedingungen ihrer Ordensgemeinschaft zu verbessern. Das alte Kloster war stark in die Jahre gekommen, und die Raumaufteilung entsprach nicht mehr den Anforderungen des gemeinschaftlichen Klosterlebens. Am 23. Juli 1968 beschlossen die Oberin und ihr Rat, die Umbaupläne zugunsten des Baus eines modernen Klosters aufzugeben, das inmitten von Wiesen an einem luftigen und sonnigen, aber geschichtsträchtigen Ort liegen sollte: flussabwärts, südlich des Dorfes, an einem Ort namens «ai pioppi» – bei den Pappeln – in der Nähe der Kirche Santa Maria Assunta. Dieses Meisterwerk des Barocks (1692–1711), auch Santa Maria ai Pioppi genannt, wurde an der Stelle eines ehemaligen Klosters errichtet, das von den Bündner Behörden aufgelöst worden war.
Die Angelegenheit wurde zügig abgewickelt. Der Churer Bischof Johannes Vonderach segnete am 20. April 1969 die Grundsteinlegung, und drei Jahre später, am 26. April 1972, fanden die Weihefeier der Kapelle und die offizielle Einweihung des Klosters statt.
Der von Luigi Caccia Dominioni entworfene Grundriss für das neue Kloster Santa Maria Presentata (1968–1972) hat die Form eines U oder vielmehr eines abgeschnittenen V. Die Einbettung des Klosters in die hügelige Landschaft ist subtil. Meistens schmiegen sich Gebäude in das Gelände ein und öffnen sich zum Tal hin. Im Gegensatz dazu nehmen die Flügel des Klosters von Poschiavo wie zwei ausgestreckte Arme den Hang auf. Das grasbewachsene Gelände schliesst so sanft die offene Form ab. Im Februar 2010 erläuterte der Architekt diesen Standortansatz in einem Interview: «Manche Dinge sind wichtig … den Wind, der von der Bernina weht, muss man in der Architektur spüren. Das Kloster wendet der Bernina den Rücken zu und öffnet sich der Sonne. Kurz gesagt, ich bin ein ‹Grundrisser›, und zwar so sehr, dass ich alles dem Grundriss überlasse. Ich unterscheide mich von anderen Architekten, die eher Skulpturen als Architektur schaffen. Hier gehe ich zum Beispiel von der Feststellung aus, dass die Bernina hinter dem Kloster liegt; seine Lage mit dem Rücken zum Talgrund schützt die Ordensschwestern und ihre Lebensräume. […] Es ist ein Kloster, das von Weitem, vom Berg aus und von oben betrachtet schön ist. Es ist schön, weil sich seine Form gut in die Umgebung einfügt und weil es diesen Wind spürt, der vom Berg her weht.»
Die Beziehung der Neubauten zum bereits bestehenden baulichen Kontext ist ebenso gekonnt gestaltet. Die Kapelle, das Herzstück des neuen Klosterkomplexes, greift die Achsen von Santa Maria Assunta auf und kehrt sie um. Während die Barockkirche nach Osten ausgerichtet ist und der Chor nach Osten blickt, ist der Chor der Kapelle nach Norden ausgerichtet, in Richtung der benachbarten Kirche und darüber hinaus auf das alte Kloster im Zentrum von Poschiavo.
Einige Zeilen von Caccia Dominioni bringen seine Absichten hinsichtlich des Entwurfs und der Umsetzung zum Ausdruck. «Die kleinen, schlichten und sauberen Zellen: ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Betstuhl und eine kleine Bibliothek. Die Räume für das Gemeinschaftsleben – wenige, aber grosszügig: die Kirche, der Kapitelsaal und das Refektorium, schlicht und streng. Keine Verkleidungen: nackte, helle Wände. Nur der Altar und der Boden, eindrucksvoll und prächtig. Vielleicht ein paar Buntglasfenster.»
Die erwähnten künstlerischen Gestaltungen wurden Francesco Somaini (1926–2005) anvertraut, einem lombardischen Künstler, mit dem der Architekt seit Mitte der 1950er-Jahre sowohl bei zivilen als auch bei kirchlichen Bauten zusammengearbeitet hatte. Die «fast transparenten» Glasmalereien, in denen weisses Glas dominiert, leuchten in einem intensiven Rot, das durch Schwarz hervorgehoben wird. Der Künstler schuf auch den Tabernakel und das Mosaik, das vom Altar herabführt, den Boden der Kapelle bedeckt und in die angrenzenden Räume bis hin in den langen, geschwungenen Gang strahlt, eine Art innerer Kreuzgang.
Nach mehr als 50 Jahren Nutzung sind die Gebäude des Klosters bemerkenswert gut erhalten. Das Ensemble gilt als wertvoll, steht jedoch weder unter kommunalem noch unter kantonalem Denkmalschutz.
Christian Bischoff, Architekt
Luigi Caccia Dominioni, eine verzögerte kritische Würdigung
Die Ausgabe 4/2025 von Heimatschutz/Patrimoine enthält aus Anlass des Wakkerpreises 2025 an Poschiavo eine ausführliche Würdigung des Architekten Luigi Caccia Dominioni. Der Beitrag beleuchtet sein Gesamtwerk und dessen späte Rezeption in der Schweiz.