Baudenkmäler und Ortsbilder

Ein Haus für viele Welten

Einst herrschte hier klösterliche Stille, heute hallt Kinderlachen durch die Gänge des ehemaligen Marienheims in Brig. Im früheren Gästehaus der Ursulinen treffen Touristinnen und Einheimische heute auf Geflüchtete aus aller Welt. Entstanden ist ein Ort der Begegnung, der Sicherheit und Perspektiven bietet.

Hinter der schweren Eingangspforte pulsiert Leben: Drei kleine Mädchen balancieren kichernd mit ihrer Betreuerin über Spielmatten. Der Leiter des Gästehauses telefoniert in seinem Büro, aus der Küche ist Stimmengewirr und das Klappern von Töpfen zu hören. Trotz des Geräuschpegels strahlt das Gebäude eine überraschende Ruhe aus.

Die spürt auch der Leiter des Kollektivzentrums St. Ursula, Ulf Kasten. «Fast alle, die hier zur Tür hereinkommen, sagen das Gleiche: Hier herrscht ein besonderer Geist. Ich bin kein spiritueller Mensch – aber da ist wohl was dran.»

Der gebürtige Deutsche ist in der Hotelbranche gross geworden. Seit 2019 führt er das Haus als Gästehaus – und blieb auch, als es 2023 vom Kanton Wallis übernommen und zu einer Unterkunft für Geflüchtete und Asylsuchende wurde. Feriengäste kommen weiterhin, wenn auch weniger. Heute bietet das Haus noch 12 Zimmer für Übernachtungsgäste und Platz für rund 80 Geflüchtete. Das klinge anspruchsvoll, funktioniere aber gut: «Manchmal fühlt es sich an wie eine riesengrosse Familie. Herkunft oder Religion spielen kaum eine Rolle», so Kasten.

Eine wechselvolle Geschichte

Das Kloster St. Ursula, nur wenige Schritte oberhalb in der Briger Altstadt, wurde 1661 von katholischen Schwestern unter Kaspar Stockalper gegründet. Das Marienheim war fast von Beginn an Teil des Klosters. Im Laufe der Jahrhunderte erfüllte es viele Funktionen: Schwestern lebten hier, es war Internat für Schülerinnen, Unterkunft für Pilger und Durchreisende, Hauswirtschaftsschule und Zufluchtsort für psychisch beeinträchtigte Menschen. Zwischen 1976 und 1978 ergänzte der Briger Architekt Amédée Cachin das Gebäude um einen modernen Anbau – eine neue Schicht, die Geschichte und Gegenwart verbindet.

«Das Marienheim ist seit jeher ein Ort der Begegnung», sagt Schwester Nicole Glenz, Provinzoberin der Ursulinen in Brig. Unter ihrer Führung entschied sich das Kloster 2022, das Gebäude zu verkaufen. Leicht gefallen sei das nicht, aber Alternativen gab es kaum. Nur ein Drittel der rund 30 Schwestern in Brig ist unter 80 Jahre alt.

Als der Kanton Wallis Interesse zeigte, das Haus zu übernehmen und darin eine Unterkunft für Geflüchtete einzurichten, war die weit gereiste Klosterfrau überzeugt – trotz anfänglicher Skepsis in der Bevölkerung. «Für mich ist diese neue Nutzung Teil der Tradition. Brig ist ein Verkehrsknotenpunkt, Menschen kommen und gehen seit Jahrhunderten. Warum sollten wir hier nicht Herberge bieten für die, die sie so dringend brauchen?»

Mehr als ein Zuhause

Heute leben im früheren Gästehaus St. Ursula Menschen aus zehn Nationen, darunter drei Babys, aber auch ältere Menschen. Die meisten bleiben knapp ein Jahr.

Integration ist zentral: Die Geflüchteten erhalten Deutschunterricht auf verschiedenen Niveaus und können Ausbildungen in Küche, Service und Hauswirtschaft absolvieren, während ihre Kinder betreut werden. Gleichzeitig bleiben Zimmer für Gäste auf der Durchreise.

Auszeichnung für eine lebendige Vision

Der Schweizer Heimatschutz würdigt unter anderem, dass religiöse Einrichtungen in der Stadt sinnvoll weitergenutzt werden. Für Schwester Nicole Glenz und Ulf Kasten ist dies nicht nur eine Ehrung für das baukulturelle Erbe der Stadt, sondern auch eine Bestätigung ihrer Vision: Sie hat dazu beigetragen, einen Ort der Begegnung, der Sicherheit und der Perspektive zu schaffen – im Herzen von Brig. Was könnte besser passen zu dieser Stadt, die seit Jahrhunderten Herberge für Menschen aus aller Welt bietet?


Priska Dellberg, Journalistin

Zeitschrift

Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine 3/2026 «Klöster – Orte der Begegnung» (erschienen am 24. August 2026).