Seit jeher stürzen sich Turmspringer und -springerinnen aus Höhen ins Wasser hinab: von Klippen, Booten oder Bauwerken. Brücken, Uferanlagen oder Geländer und Plattformen von Badeanlagen eignen sich dafür besonders gut, wie zahlreiche historische Fotografien zeigen. Eine Freske aus den Jahren 480–470 v. Chr., die die Grabplatte der Tomba del Tuffatore schmückt und im Archäologischen Museum von Paestum ausgestellt ist, zeigt einen Mann, der einen Kopfsprung in eine blaue Fläche macht. Seine Körperhaltung steht der von heutigen Sportlern in nichts nach. Der Springer stösst sich von der Höhe einer Struktur ab, die meist als Säulen aus Stein interpretiert wird, jedoch auch ein hölzernes Gerüst – einen Sprungturm – darstellen könnte.
1936 veröffentlichte Marc Piccard, Architekt der Bellerive-Plage in Lausanne, einen Artikel mit dem Titel Bassins et plongeoirs. Darin schildert er seine Überlegungen zu seinem Auftrag, beschreibt die technischen und sportlichen Vorgaben des Projekts und nennt gebaute Beispiele, die seine Überlegungen geprägt haben. Der Text beginnt mit einem programmatischen Satz: «Der Sprungturm eines Strands ist unverzichtbar. An seinem Sprungturm erkennt man einen Badeplatz. Um den Strand von Corseaux zu beschreiben, genügt es deshalb, den berühmten Sprungturm von Zollinger zu skizzieren. Der Sprungturm ist das Herzstück des Badeplatzes und die Unterschrift des Architekten.»
Dieser Artikel wird von Plänen und einer Fotografie der Bellerive-Plage illustriert, die nach ihrer Eröffnung am 10. Juli 1937 zum «Aushängeschild der Sportpolitik des roten Lausanne» wurde. Nach diesem eindrücklichen Einstieg erstellt Marc Piccard mit einem Augenzwinkern eine Typologie der Sprungtürme, illustriert mit Federzeichnungen: «Der Sprungturm kann die Gestalt eines Weberknechts annehmen, vielleicht sogar in der Nähe eines vage anmutenden griechischen Tempels. Er kann geistreich, ‹trocken-humorvoll›, virtuos oder sachlich sein, um nur einige Beispiele zu nennen. Es ist eine ganze Architektur aus Beton, dem Material schlechthin für den Bau eines Sprungturms, da es Fantasie, Kühnheit und Humor erlaubt.» In der Architektur ist Humor meist unbeabsichtigt und geht häufig auf Kosten des Architekten oder der Architektin. Dennoch regt Marc Piccards Satz zum Nachdenken an. Der Sprungturm ist eine Konstruktion mit scheinbar eindeutiger Funktion: die Stufen oder Sprossen sicher zu erklimmen, um – vorzugsweise kopfüber – mehr oder weniger akrobatisch aus einer bestimmten Höhe von 1, 3, 5, 7,5 oder 10 Metern zu springen. Dabei werden jedoch andere, weniger ausgesprochene, aber wesentliche Nutzungen ausser Acht gelassen: sich zu präsentieren, herumzutollen, sich herauszufordern.
Die Badeanlagen der Schweiz entstanden in drei aufeinanderfolgenden Wellen: die hölzernen Bäder der Belle Époque, die modernen Anlagen der Zwischenkriegszeit und schliesslich die Schwimmbäder des wirtschaftlichen Aufschwungs – und der zunehmenden Verschmutzung der Flüsse und Seen – der 1950er- und 1960er-Jahre. Die meisten Sprungturmtypen wurden mit dem Einsatz von Stahlbeton ab den 1920er-Jahren entwickelt. Die ersten Exemplare zeigen noch statische Podeste, doch schon bald erscheint jener Typ, den Marc Piccard als «trocken-humorvoll» bezeichnet: Die Struktur der Sprungtürme ahmt die Körperstellung des Turmspringers nach, der im Begriff ist, sich in die Tiefe zu stürzen und vom Stand in die Bewegung überzugehen. In der Nachkriegszeit entstehen zahlreiche Anlagen mit solchen dynamischen Formen, die nur durch den Einsatz von Stahlbeton möglich sind. Diese Sprungtürme sind oft von grosser Eleganz, etwa jenes im Freibad Letzigraben in Zürich (1947–1949, Architekt Max Frisch, Ingenieur Walter Graf).
Ende der 1960er-Jahre entstehen zunehmend eigenständige «Objekte». In Lancy (1967/68) bringen Georges Brera, Pierre Nierlé und Paul Waltenspühl die Schwere und zugleich die Formbarkeit des Stahlbetons zum Ausdruck: Der Sprungturm erhebt sich wie eine Skulptur mit weichen, runden Formen. In Bellinzona (1969/70) entsteht die formale Kraft des Sprungturms von Aurelio Galfetti, Flora Ruchat und Ivo Trümpi durch andere Mittel: Vier Plattformen sind nebeneinander auf einer asymmetrischen Stütze angeordnet, wodurch ein Spiel von Gleichgewicht und Ungleichgewicht entsteht. Die Sprunganlage im Freibad Les Vernets in Genf (1969/70, Architekten François Maurice und Louis Parmelin, Ingenieur Pierre Tremblet) ist schliesslich eine aus verschränkten Betonbalken bestehende Konstruktion, die an ein anderes, gleichzeitig entstandenes Kunstwerk erinnert: die Skulptur Doublement (1969) von Max Bill.
Christian Bischoff, Architekt