Wer hat sie nicht, die Erinnerungen an heisse Sommer, die nach Sonnencrème, Pommes frites und Vanilleglacé riechen? An Tage, die zum Glück fast nicht enden, weil die Sonne erst spät im See versinkt? An kühne Sprünge vom Fünfmeterbrett, den ersten Rückwärtssalto, das kühle Wasser auf der Haut oder die unendliche Freiheit unter Wasser? Das Freibad: schon immer mehr als nur ein Ort zum Baden.
Die Badi, wie sie in einigen Dialekten liebevoll genannt wird, ist aber nicht nur ein mit Erinnerungen gefülltes Bassin, ein persönlicher Erinnerungsspeicher, sondern auch ein baukulturelles und sozialgeschichtliches Zeitzeugnis der Freizeit- und Hygienekultur in unserem Land. Die Erhaltung und Pflege unserer Freibäder, sei es ein hölzernes Kastenbad am Fluss, ein Betongartenbad der Moderne oder ein Zeugnis jüngster Baukultur, stellt somit eine Heimatschutzaufgabe dar, die – und das ist nicht minder wichtig – die Lebensqualität für die Bewohnenden einer Region anhebt. Mit zunehmender Erderwärmung trägt eine kühlende Oase ausserdem dazu bei, dass sich Hitzetage aushalten lassen.
Das Freibad und der Heimatschutz blicken auf eine gemeinsame Geschichte zurück: So markiert die erste Auflage des Bäderführers den Startschuss unserer erfolgreichen Publikationsreihe Die schönsten …, die sich seit 20 Jahren grosser Beliebtheit erfreuen. Hinter der dieses Jahr erscheinenden dritten Auflage von Die schönsten Bäder liegt eine aufwendige Recherchearbeit: Wer Baukultur beurteilen will, muss sie vor Ort erleben. So kann es gut sein, dass beliebte Freibäder in dieser Ausgabe fehlen, sei es, weil sie gerade im Umbau waren, sei es, weil ihr Zustand nicht gut genug war, um als eines der «schönsten» Bäder der Schweiz zu zählen.
Auf der anderen Seite: Wenn wir mit der Veröffentlichung eines Bads, dem die Schliessung droht, Sichtbarkeit verleihen können, damit es auch in Zukunft der Bevölkerung offen steht, dann ist ein erster Schritt zur Rettung wertvoller Bausubstanz getan: Nur Bauten mit genügend Publizität werden als schutzwürdig eingestuft; mit dem Schreiben über Architektur werden wir zu Anwältinnen und Anwälten bedrohter Baukultur.
Baukultur, ja Kultur im Allgemeinen, ist keine statische Disziplin. Sie hat Vorbilder, baut auf Referenzen und ist, wie vieles im Leben, Modeerscheinungen unterworfen. Die Kastenbäder, die während des sogenannten Bäderbooms von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind, halten als wunderbares Beispiel dafür hin: Türmchen und Fenster mit Spitzbogen stammen von Vorbildern aus Ungarn, wobei sich diese Thermalbäder wiederum an türkischen Hammams orientiert haben sollen. Die wachsenden Städte und die zum Teil prekären Bedingungen in den muffigen Mietskasernen verlangten nach Orten, an denen man sich ungestört der Körperhygiene zuwenden konnte. Sitte, Anstand und Moral trennten diese nach Geschlechtern, und so gibt es heute noch mancherorts eine Frauen- und eine Männerseite. Konnte nur ein Becken gebaut werden, regelten Stundenpläne den Zutritt für Männer und Frauen. Man darf raten, wem mehr Badezeit zugesprochen wurde …
Später, zur Zeit des Neuen Bauens, wuchs nicht nur der Körperkult, und Schwimmen stand auf dem Stundenplan der Schule, man machte sich auch frei von historischen Vorbildern und fand in den unbeheizten Garderobengebäuden ohne Dämmung den gebauten Traum eines fliessenden Übergangs zwischen innen und aussen. Dass neben vielen Freibädern der Moderne mit künstlichen Becken ein Fluss oder Bach fliesst, hat damit zu tun, dass bei der Erbauungszeit die Fliessgewässer das Badewasser für die Bäder lieferten.
Die Schweiz steht am Anfang vieler europäischer Flussläufe und trägt als Wasserschloss Europas eine gewichtige Verantwortung. Volkshygiene, Gewässerschutz und ein dichtes Netz an Kläranlagen tragen zur Qualität der wertvollen Ressource Wasser in unserem rohstoffarmen Land bei. Die Wasserqualität ist ein Standortvorteil der Schweiz, doch das war nicht immer selbstverständlich. Noch in den 1960er-Jahren trübten Algenmatten, Schaumberge und tote Fische das Bild, das Fehlen von Kläranlagen und der Einsatz phosphathaltiger Waschmittel verschärften die Situation. Viele Freibäder wurden deshalb ab den 1950er-Jahren nicht mehr an Ufern, sondern in peripheren Wohnquartieren mit chloriertem Wasser angelegt. Diese sogenannten Gartenbäder an den Rändern der grossen Städte werden zunehmend als Freiflächen in der kalten Jahreszeit geöffnet und sind wertvolle Naherholungsräume in der verdichteten Stadt.
Heute ist die Bade- und Trinkwasserqualität in der Schweiz – gemessen an internationalen Standards – gut bis sehr gut. Dennoch machen Klimaprojektionen deutlich, dass die Wasserressourcen im Sommer künftig knapper und Trockenperioden häufiger werden. Auch Grundwasser, Flüsse und Seen stehen durch Klimawandel, Urbanisierung, Landwirtschaft und Industrie zunehmend unter Druck.
Mit der Schriftenreihe Die schönsten … erreichen wir seit 20 Jahren eine breite Öffentlichkeit, die bei Spontankäufen mit der Arbeit des Heimatschutzes vertraut gemacht wird. Wir können die wichtigen Anliegen des Heimatschutzes niederschwellig vermitteln und aufzeigen, wie wichtig es ist, Ortsbilder, Lebensräume und Baudenkmäler in ihrer historischen Tiefe zu erhalten, um somit ein gemeinsames Gefühl von Zugehörigkeit zu festigen.
Nicht zuletzt schafften es die vorherigen Auflagen, zu Standardwerken zu werden: Über Freibäder in der (Gesamt-) Schweiz gibt es kaum Literatur, sodass unsere Aufarbeitung wichtiger bau- und sozialgeschichtlicher Fakten eine Wissenslücke schliesst. Drei Zwischentexte zu den Themen Wasserqualität, Bauaufgabe Freibad und den Schweizer Bäderbaupionier Beda Hefti unterstreichen diesen Ansatz in der 3. Auflage. Der neue Bäderführer sorgt somit nicht nur dafür, das baukulturelle Erbe, sondern auch unsere Wasserlandschaften bewusst zu schätzen und zu schützen, und gehört in jede Badetasche.
Jenny Keller, Schweizer Heimatschutz
Die dritte Auflage der Publikation Die schönsten Bäder versammelt Badeanstalten aus der ganzen Schweiz. Bewährte Einträge wurden geprüft und um viele Neuentdeckungen ergänzt.