Baudenkmäler und Ortsbilder

Das Berner Mindset

Mit Spachtel, Reinigungsschwämmchen und Retuschierkreide: Die Belegschaft der Berner Münsterbauhütte erkennt und behandelt Schäden frühzeitig. So bewahrt sie historische Oberflächen, setzt Ressourcen effizient ein und sichert den langfristigen Erhalt eines der bedeutendsten Baudenkmäler der Schweiz.

Es war das erste Jahr im neuen Jahrtausend, als der Münsterarchitekt Hermann Häberli und seine junge Mitarbeiterin Annette Loeffel das Restauratorenpaar Andreas Walser und Kathrin Durheim kontaktierten. Am sogenannten unteren Viereck West war der Ersatz von rund 200 Tonnen Stein in vollem Gang. 2002 sollte endlich das «ewige» Gerüst weichen, das ein halbes Jahrhundert lang um den Turmschaft herumgewandert war und dabei das ganze Stadtbild geprägt hatte. Diese Arbeiten fanden an einem Bauteil statt, der erst im 18. Jahrhundert grundlegend erneuert worden war. Dringender Handlungsbedarf zeigte sich auch an der sogenannten Eckfiale am Westwerk Süd, die letztmals im frühen 20. Jahrhundert ersetzt worden war – eine Jugendstilskulptur bester Qualität. Sie schon wieder für einen siebenstelligen Betrag ersetzen? So konnte es nicht weitergehen.

Unter Anleitung von Walser und Durheim begann damals ein grosser Prozess des Lernens und Sich-neu-Orientierens. Im Labor wurden Mörtelrezepturen getestet und weiterentwickelt. In den folgenden Jahren hielten neue Materialien wie Festiger, Mikrozement, Chromstahl und Kohlefaser auf den Baustellen Einzug. Neue Arbeitsmittel – von der Spritze bis zum Laser, von digitalisierten Plänen bis zu Plakatwänden mit Archivinformationen und Computern – breiteten sich sukzessive auf den Gerüsten aus. Geblieben ist die Münsterbauhütte, in deren Belegschaft heute allerdings mehr Frauen arbeiten und die mit externen Spezialistinnen verstärkt wird. Aber im Kern sind hier immer noch die Steinbildhauer und Steinmetzinnen wie damals anzutreffen, von denen einige in diesen Jahren in Pension gehen. Sie haben gelernt, statt mit Klöpfel und Eisen am aufgebockten Werkstück, häufiger mit Spachtel, Reinigungsschwämmchen, Retuschierkreide und Touchscreen direkt am Bau zu arbeiten.

Wie tiefgreifend und erfolgreich dieser Prozess war, zeigte sich 2022, als Annette Loeffel, die seit 2019 Münsterbaumeisterin ist, zur Vorsitzenden der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister, Münsterbaumeister und Hüttenmeister gewählt wurde. Nachdem viele Mitglieder dieser Vereinigung anfänglich Bern mit ihrem Wissen unterstützt hatten, ist der Werkplatz Bern für sie alle zu einem der führenden Kompetenzzentren für Steinrestaurierung und Bauunterhalt geworden. Wo früher Bauhüttengeheimnisse gehegt wurden, findet nun ein reger Austausch von Personal und Informationen statt – unter anderem mit der Kölner Dombauhütte, die ihre mittelalterlichen Bauteile heute auch mit Berner Know-how restauriert und dafür in Bern mit Technik und Fachleuten aus verschiedenen Gewerken aushilft. Eines der ambitionierten Ziele von Annette Loeffel besteht darin, den Austausch über die deutschen Sprachgrenzen hinauszutragen: Austragungsort der Dombaumeistertagung 2025 war London, dieses Jahr steht Toledo auf dem Programm.

Ein Strukturproblem in den Köpfen

All dies klingt logisch, mühelos, selbstverständlich. Im denkmalpflegerischen Kontext weht jedoch oft ein anderer Wind. Qualitätsorientierte Handwerksbetriebe müssen sich in einer industrialisierten Baubranche behaupten. Preisdruck und Rationalisierung fördern Standardprodukte und erschweren die Auseinandersetzung mit den konstruktiven und materialtechnischen Besonderheiten des Baudenkmals. Oft muss darum gekämpft werden, dass Vergaben und Arbeiten auf sorgfältigen Schadensanalysen basieren. Der sorgsame Unterhalt der Baudenkmäler leidet also unter einem Strukturproblem. Die neuen Errungenschaften am Werkplatz Berner Münster beruhen unter anderem darauf, dass die Trägerschaft einer 1993 gegründeten Stiftung überantwortet wurde. Diese schafft Rahmenbedingungen und Freiheiten, dank derer Zeitpläne und Massnahmen unmittelbar an den am Denkmal zutage geförderten Erkenntnissen ausgerichtet werden können.

Das grösste Strukturproblem besteht bis heute in den Köpfen. So gehen die Auffassungen darüber, was denkmalwürdig sei, auseinander: 2020 wurde das Bauhüttenwesen in das Register guter Praxisbeispiele für das immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen. Während hier das traditionelle Handwerk der Steinbearbeitung im Zentrum steht, wird der Fokus in Bern stärker auf die Integrität der Denkmalsubstanz gerichtet. Der Weg dorthin führt über den Einsatz neuer Technologien, (natur-)wissenschaftlicher Forschung, insgesamt eines transdisziplinären Ansatzes. Entsprechend wandelt sich auch das Berufsbild: Die Berner Belegschaft besteht zwar noch immer zu grossen Teilen aus Angehörigen der Steinberufe, diese werfen jedoch oft über die Schultern der Restauratoren einen Blick ins Binokularmikroskop, wenn es darum geht, einen Schadensprozess zu verstehen.

Prävention statt Reparatur

Dem Berufsstolz der Bauhüttenbelegschaft hielt alt Münsterarchitekt Hermann Häberli zuweilen entgegen, er sei der «Abwart», und sprach scherzhaft vom «Zähneputzen» an der «alten Dame». Seine Sprachbilder hatten durchaus einen ernst gemeinten Hintergrund: Ein verstopfter Abfluss kann mit wenig Aufwand durchgespült, eine offene Fuge mit wenig Aufwand geschlossen werden. Wenn dies nicht geschieht, dringt Wasser ein, beim ersten Frost beginnen die Frostsprengungen, und nach wenigen Jahren braucht es eine eingerüstete Baustelle, um den Schaden zu beheben. Es lohnt sich also, den Zustand aller Oberflächen in regelmässigen Abständen unter die Lupe zu nehmen. Dabei verlagert sich der Aufwand von der Reparatur zur Prävention. Dasselbe gilt für die Nachkontrolle an ausgeführten Restaurierungsarbeiten. Diese Vorgänge gehören heute, ebenso wie die akribische Bestandeskartierung, zu den grundlegenden Kompetenzen der Werkleute.

Das Berner Mindset hat zwei besondere Konsequenzen. An vielen Baustellen wurden Oberflächen angetroffen, die bei Berührung buchstäblich zu Staub zerfielen. Diese können heute gerettet und wiederhergestellt werden. Dabei treten oft spätmittelalterliche Bearbeitungsspuren, Steinmetzzeichen, Inschriften, Fugenmaterialien und Farbfassungen wieder zutage. Während Oberflächen in früheren Zeiten «auf den gesunden Grund» zurückgehauen, also entfernt wurden, werden sie heute in ihrem historischen Zustand gereinigt, gefestigt und fit für die Zukunft gemacht. So präsentieren sich grosse Teile des Münsters heute mit patinierten Oberflächen spätmittelalterlichen Ursprungs, die sich technisch in einem einwandfreien Zustand befinden.

Die zweite, vielleicht noch tiefer greifende Konsequenz der neuen Unterhaltsmassnahmen: Die Arbeiten verursachen unter dem Strich weniger Aufwand. Dadurch werden Ressourcen frei, die wiederum dem Denkmal zugutekommen. So hat im letzten Vierteljahrhundert nicht nur der Gesamtzustand des Bauwerks profitiert, sondern es entstand auch Raum für mehrere besondere Projekte: Eher unsichtbar ist die Ertüchtigung des Turmhelms um 2015, der nebst der Steinrestaurierung zusätzlich mit einem innen liegenden System von Stahlkonstruktionen statisch gesichert wurde. Spektakulär ist die rechtzeitig zu seinem 500-Jahr-Jubiläum abgeschlossene Restaurierung des Chorgewölbes im Jahr 2017. Dabei entpuppten sich die 85 Schlusssteinfiguren dieses «heiligen Himmels» als einer der umfangreichsten und qualitätvollsten bekannten Bestände spätmittelalterlicher Bildhauerei mit originalen Fassungen. Zu erwähnen ist schliesslich die auf absehbare Zeit wohl weiträumigste Restaurierung – diejenige des Mittelschiffgewölbes. Während Werkmeister Daniel Heintz dieses Gewölbe 1573 in einem Gewaltsakt innerhalb eines Jahres eingezogen hatte, leisteten die Restauratorinnen hier oben fast fünf Jahre Schwerarbeit ...


Christoph Schläppi, Architekturhistoriker

Vertiefen

Vertiefende Einblicke und aktuelle Berichte zum Berner Münster: Auf der Website der Berner Münster-Stiftung finden Interessierte eine Auswahl weiterführender Publikationen. 

Zeitschrift

Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine 1/2026 «Unser Kulturerbe pflegen» (erschienen am 24. Februar 2026).