Yuma Shinohara Yuma Shinohara
Yuma Shinohara, Kurator im S AM Schweizerischen Architekturmuseum, in der «Denk Mal Bar» der aktuellen Ausstellung «Was War Werden Könnte»

«Wir möchten auch weniger sichtbare Themen ansprechen»

Gespräch mit Yuma Shinohara

Text: Marco Guetg, Journalist

Fotos: Marion Nitsch, Fotografin

Zum 50. Jubiläum des Europäischen Denkmalschutzjahrs 1975 beleuchtet das S AM Schweizerische Architekturmuseum in der aktuellen Ausstellung das Zusammenspiel von Architektur und Denkmalpflege. Kurator Yuma Shinohara gibt ein paar Einblicke.

In der aktuellen Ausstellung «Was War Werden Könnte: Experimente zwischen Denkmalpflege und Architektur» sind zehn Projekte zu sehen, die alle die Renovation, die Sanierung oder den Umbau bestehender Gebäude thematisieren. Nach welchen Kriterien wurden sie ausgewählt?

Wir haben vor allem nach Projekten mit unterschiedlichen Lösungsansätzen gesucht. Ausgangspunkt war ein Kurs mit 20 Studierenden der Denkmalpflege an der ETH, den wir als Kuratoren mitbetreut haben. Unser Anliegen war, thematisch möglichst breit zu fahren und dabei kleine wie grosse Interven­tionen vorzustellen.
 

Die Tatsache, dass die Denkmalpflege im S AM temporär eine Heimat gefunden hat, kann als programmatisches Zeichen gedeutet werden, oder?

Auf jeden Fall. Die Anfrage kam vor Jahren von Silke Langenberg vom ETH-Lehrstuhl für Konstruktionserbe und Denkmalpflege. Sie hat vorgeschlagen, etwas zum 50. Jubiläum des Europäischen Denkmalschutzjahrs zu machen. Wir haben die Idee aufgenommen und uns überlegt, wie wir als Architekturmuseum das Thema in einen grösseren Kontext stellen könnten, und haben schliesslich den Fokus auf das Verhältnis zwischen Architektur und Denkmalpflege gelegt. Was nun zu sehen ist, ist eine Bestandesaufnahme.

Yuma Shinohara Yuma Shinohara
Yuma Shinohara, Kurator im S AM Schweizerischen Architekturmuseum, in der «Denk Mal Bar» der aktuellen Ausstellung «Was War Werden Könnte»

Wie ist die Resonanz bei Architektinnen und Denkmalpflegern?

Gut, von beiden Seiten. Bei der Eröffnung sahen wir ein mehrheitlich junges, durchmischtes und sehr offenes Publikum, das die Denkmalpflege als viel progressiver erlebt, als das tradierte Bild vermittelt. Wie Denkmalpflege im Kontext von Architektur sichtbar gemacht wird, wird allgemein sehr positiv gewertet.
 

Der Vorwurf ist bekannt: Denkmalpflege verhindert. Doch in jüngster Zeit registriere ich einen Paradigmenwechsel. Architektur und Denkmalpflege ergänzen sich gegenseitig und auf gute Art.

Das zu zeigen ist auch das Ziel dieser Ausstellung: die Türen zu öffnen für einen intensiven Austausch, damit beide Seiten voneinander lernen. Es geht nicht um Dogmatik. Denkmalpflege ist immer auch eine Frage des Verhandelns. Das ist eine Herausforderung, die beide Seiten nicht scheuen sollten.
 

Wann wird ein Gebäude ein Denkmal?

Schwierige Frage! Ich rette mich mit einer eher klassischen Definition. Ein Denkmal ist ein Objekt, das generell auch nach einer Generation – 30 oder 40 Jahre – noch als baukulturell wichtig eingestuft wird. Es ist ein Zeuge einer bestimmten Zeit und zeigt, wie damals gebaut und gelebt wurde. Je nach Aussagekraft kann auch ein jüngeres Objekt zum Denkmal erklärt werden, aber oft werden die Qualitäten erst durch den zeitlichen Abstand sichtbar. Die Schwierigkeit bei dieser klassischen Sicht ist das Tempo unserer Zeit. Gut möglich, dass ein Gebäude, das in 40 bis 50 Jahren als Denkmal gelten könnte, bis dahin längst verschwunden ist. Eine weitere definitorische Schwierigkeit liegt darin, dass ein Denkmal für viele Menschen etwas Unterschiedliches bedeuten kann.
Es gibt durchaus Bauten, die nicht wegen ihres baukulturellen Wertes schützenswert sind, sondern für eine bestimmte Gruppe einen emotionellen Wert besitzen. Gelegentlich ist es schlicht auch eine Frage der Gesellschaft, ob sie ein Objekt zum Denkmal adeln will oder nicht.

Yuma Shinohara Yuma Shinohara
Yuma Shinohara, Kurator im S AM Schweizerischen Architekturmuseum, in der aktuellen Ausstellung «Was War Werden Könnte»

Wir führen dieses Gespräch im vierten Raum der Ausstellung, in der sogenannten «Denk Mal Bar». Besuchende haben hier die Möglichkeit, via QR-Code Ideen zu lancieren. Tun sie es auch?

Eher wenig. Ich vermute, da liegt die Hemmschwelle etwas höher. Die restlichen Angebote hingegen werden stark genutzt und übertreffen unsere Erwartungen. Die drei bisherigen Debatten fanden bei vollem Haus statt. Auch bin ich immer wieder überrascht, wer den Weg in die Bar findet. Jeder Gast bringt sein eigenes Netzwerk mit und damit auch ein Angebot zum thematisch breiten Gespräch. Neugierde und Offenheit sind gross. Wir stellen fest, dass die Denkmalpflege oft plakative Bilder evoziert, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Hier wird das dann verhandelt. Es sind auch schon Besitzer alter Häuser erschienen, die sich bei uns erkundigt haben, was sie damit tun könnten. Das informelle Setting einer solchen Bar trägt natürlich auch dazu bei, dass man sich in lockerem Ambiente treffen und offen reden kann.
 

Die Ausstellung nimmt Themen auf und zeigt Lösungen. Doch wie geht es weiter? Wie werden die hier gezeigten Lösungen irgendwie auch hinaus «in die Welt getragen»?

Leider konnten wir keinen Katalog zur Ausstellung machen und leider besteht auch nicht die Möglichkeit, die anregenden Bar-Gespräche schriftlich zu erfassen und weiterzugeben. Wir versuchen aber, die explizit für die Ausstellung verfassten Texte zusammenzustellen. Und natürlich hoffen wir, dass die hier auf den Tisch gelegten Ideen weiter diskutiert werden. Der Film, der eigens für diese Ausstellung produziert wurde, kann beispielsweise auch an anderen Orten gezeigt werden. Schliesslich werden die Inhalte auch von Silke Langenberg und ihrem Lehrstuhl weiter nach Aussen getragen.

Yuma Shinohara Yuma Shinohara
Yuma Shinohara, Kurator im S AM Schweizerischen Architekturmuseum, in der aktuellen Ausstellung «Was War Werden Könnte»

Die Themen, die in der Ausstellung gezeigt oder in der «Denk Mal Bar» diskutiert werden, sind auch Themen des Schweizer Heimatschutzes. In welcher Form war der Heimatschutz involviert?

Das Interesse am Thema ist seitens des Schweizer Heimatschutzes sehr gross. Wären wir etwas früher ins Gespräch gekommen, wäre der Heimatschutz in der Ausstellung mit Sicherheit präsenter. Inzwischen ist eine Medienpartnerschaft entstanden, und es besteht der gegenseitige Wille, die hier formulierte Botschaft hinauszutragen. In der Ausstellung selbst werden die Funktion des Heimatschutzes und seine Haltung zum Verbandsbeschwerderecht thematisiert.
 

Wie stehen Sie persönlich dazu?

Ich finde es grossartig, dass die Schweiz die Möglichkeit bietet, sich auf diese Art politisch einzubringen. Klar, dieses Rechtsmittel verzögert die Abläufe und fordert etwas Geduld. Darauf zu verzichten, fände ich aus demokratiepolitischen Gründen als nicht angebracht.
 

In Basel lebten und kämpften in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zwei Persönlichkeiten, die sich fürs Bauen im Bestand und für die Stadtentwicklung engagiert haben: Lucius und Annemarie Burckhardt.

Sie nehmen in der Ausstellung mit ihrem verlorenen Kampf gegen den Abriss des Stadttheaters Basel sowie mit der Tagung «Denkmalpflege ist Sozialpolitik» im Denkmalschutzjahr nur einen kleinen Raum ein. Aber ihr Denken war beim Konzipieren stets präsent. Burckhardts Schriften werden nach wie vor sehr stark rezipiert und haben dadurch auch entsprechend ihre Wirkung. Er war ein Vordenker, der vor 50 Jahren Themen angesprochen hat, die heute noch relevant sind.

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Yuma Shinohara, Kurator im S AM Schweizerischen Architekturmuseum, in der aktuellen Ausstellung «Was War Werden Könnte»

Sie haben japanische Wurzeln, sind in den USA geboren und haben dort studiert. Sie haben dann in Berlin gelebt und gearbeitet. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Schweizer Architektur?

Meine Beziehung zur Schweiz geht weit zurück. Ich bin in San Francisco aufgewachsen, einer Partnerstadt von Zürich. Als 17-jähriger Gymnasiast verbrachte ich einen Sommer als Austauschschüler in Zürich. Dort hatte ich meine erste Begegnung mit Schweizer Architektur, nicht in Bezug auf irgendein herausragendes Objekt. Ich danke da eher an die Alltagsarchitektur und der humanen Infrastruktur der Stadt.
 

Und was hat Sie schliesslich nach Basel geführt?

Nach meinem Studium in den USA zog ich nach Berlin, um dort Sprachwissenschaften zu studieren. Am Anfang meiner Berliner Zeit hatte ich mit dem jetzigen Direktor Andreas Ruby zusammengearbeitet. Dann haben wir uns aus den Augen verloren. Ich verwirklichte meine eigenen Projekte, bis Andreas Ruby mir ein Angebot als Kurator am S AM machte.

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Yuma Shinohara, Kurator im S AM Schweizerischen Architekturmuseum, in der aktuellen Ausstellung «Was War Werden Könnte»

Seit 2018 sind Sie Kurator im S AM. Was wollen Sie hier bewegen und bewirken?

Wenn ich Ziele und Absichten formuliere, dann spreche ich auch ein wenig über die Intentionen dieses Museums. Mit unseren Ausstellungen und Publikationen wollen wir auf die Relevanz von Architektur aufmerksam machen und Diskussionen auslösen, nicht nur unter Fachleuten, sondern in der breiten Gesellschaft. Denn was gebaut wird, beeinflusst unser Leben! Andererseits möchten wir Ausstellungen machen, die nicht nur die grossen Namen feiern, sondern auch weniger sichtbare oder diskutierte Themen ansprechen und experimentellen oder jüngeren Positionen eine Plattform geben.
 

Haben Sie ein Lieblingsdenkmal der Schweiz?

Der Rhein in Basel! Die Art und Weise, wie er genutzt wird und der Stadtraum, der entlang des Rheins entstanden ist: Das ist für mich eine Art immaterielles Denkmal.

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Ausstellung

Die Ausstellung «Was War Werden Könnte – Experimente zwischen Denkmalpflege und Architektur» (bis 14. September 2025) ist in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Konstruktionserbe und Denkmalpflege (Prof. Dr. Silke Langenberg) der ETH Zürich entstanden.