Lukas Baumann (*1980, Andermatt) verbindet mit seinem Büro Baumann Lukas Architektur in Basel traditionelles Handwerk mit einer zeitgenössischen Neuinterpretation desselben. Ein Schwerpunkt liegt auf denkmalpflegerischen Instandsetzungen, bei denen er Bestehendes sorgfältig weiterdenkt. Foto: Julian Salinas Lukas Baumann (*1980, Andermatt) verbindet mit seinem Büro Baumann Lukas Architektur in Basel traditionelles Handwerk mit einer zeitgenössischen Neuinterpretation desselben. Ein Schwerpunkt liegt auf denkmalpflegerischen Instandsetzungen, bei denen er Bestehendes sorgfältig weiterdenkt. Foto: Julian Salinas
Lukas Baumann (*1980, Andermatt) verbindet mit seinem Büro Baumann Lukas Architektur in Basel traditionelles Handwerk mit einer zeitgenössischen Neuinterpretation desselben. Ein Schwerpunkt liegt auf denkmalpflegerischen Instandsetzungen, bei denen er Bestehendes sorgfältig weiterdenkt. Foto: Julian Salinas

«Vorwärts zur alten Grösse»

Gespräch mit Lukas Baumann

Text: Marco Guetg, Journalist

Das Rheinbad Breite in Basel hat eine bewegte Geschichte: 1898 erbaut, 1929 erweitert, in den 1990er-Jahren vom Abbruch bedroht. Dann kehrte die Lust am Rheinschwimmen zurück. Seit 2023 zeigt sich die Badeanstalt in alter Grösse und umfassend saniert. Architekt Lukas Baumann spricht über Hintergründe, Entscheidungen und Perspektiven.

Das Rheinbad Breite, in Basel vor allem als «s’Rhybadhysli» bekannt, wurde Ende 1898 erstellt. Erzählen Sie uns etwas über diesen Bau.

Ende des 19. Jahrhunderts existierten entlang des Rheins mehrere Badeanstalten. Erhalten geblieben sind noch zwei: das Rheinbad St. Johann und das grössere Rheinbad Breite. Letzteres gilt heute als bedeutendes Zeugnis der Basler Badekultur, die eng mit Fragen der Hygiene verknüpft war. Um die Jahrhundertwende verfügten noch nicht alle Haushalte über ein eigenes Bad. Die öffentlichen Badeanstalten erfüllten somit eine wichtige soziale und gesundheitliche Funktion.
 

Welchen Schutzstatus hat das Bad?

Es steht im Inventar der schützenswerten Bauten. Die Anlage befindet sich in einem sensiblen städtebaulichen und ökologischen Kontext. Daher wurde der Um- und Ausbau in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege sowie mit anderen Institutionen und städtischen Abteilungen entwickelt. 

Das Rheinbad Breite steht als Pfahlbau im Fluss und ist dem wechselnden Wasserstand ausgesetzt. Foto: Tanja Schätti, Schweizer Heimatschutz Das Rheinbad Breite steht als Pfahlbau im Fluss und ist dem wechselnden Wasserstand ausgesetzt. Foto: Tanja Schätti, Schweizer Heimatschutz
Das Rheinbad Breite steht als Pfahlbau im Fluss und ist dem wechselnden Wasserstand ausgesetzt. Foto: Tanja Schätti, Schweizer Heimatschutz

Der Blick auf die Baugeschichte zeigt ein ständiges Auf und Ab: 1929 wurde die Anlage vergrössert, in den 1990er-Jahren dann wieder verkleinert …

… das war 1994, nachdem die Architekten Andreas Scheiwiller und Matthias Oppliger in ihrem Wettbewerbs­beitrag eine grössere Neugestaltung vorsahen. Doch es fehlte das Geld. Die Regierung beschloss 1991, das Bad ersatzlos abzubauen. Um das zu verhindern, wurde das Komitee «Rettet das Rheinbad Breite» gegründet, das sich dafür einsetzte, dass zumindest ein Teil des Bades erhalten bleibt. Schliesslich verschwanden zwei Drittel. Der Rest wurde als bescheidene Badeanstalt betrieben. Später kamen ein Kiosk und ein Restaurant dazu.
 

Und plötzlich verzeichnete das Bad wieder mehr Gäste. Gibt es einen Kipppunkt?

Das geschah schleichend. Ein Einschnitt war die Umweltbelastung des Rheins, insbesondere nach der Chemiekatastrophe von Schweizerhalle im Jahr 1986. Das Baden verlor an At­traktivität. Erst mit der Verbesserung der Wasserqualität gewann das Rheinschwimmen ab Ende der 1990er-Jahre wieder stark an Bedeutung. Entsprechend stieg die Zahl der Badegäste.
 

Welchen Stellenwert hat diese Anlage im Kontext der öffentlichen Bauten der Stadt Basel?

Das Rheinbad Breite ist ein sehr beliebter Ort. Baslerinnen und Basler haben nicht viele Möglichkeiten, direkt über dem Rhein zu sonnenbaden. So entwickelte sich die Badeanstalt zunehmend zu einem beliebten Treffpunkt mit einem florierenden Restaurant sowie Angeboten für Sport und einer Sauna.
 

Wie ist das Rheinbad Breite architekturhistorisch einzuordnen?

Architekturhistorisch relevant ist die Anlage vor allem wegen ihrer Stahlkonstruktion. Um 1900, im Zeitalter der Industrialisierung, etablierte sich Stahl als innovatives Baumaterial. Ähnlich wie bei zeitgenössischen Bahnhofsarchitekturen entstand hier eine filigrane, industrielle Bauweise – bemerkenswerterweise an einem Ort, der ursprünglich rein funktional der Körperpflege diente.
 

Was ist das Spezielle an dieser Konstruktion?

Das Gebäude steht auf filigranen Stützen mitten im Wasser und ist damit dem wechselnden Wasserstand ausgesetzt – wie ein Pfahlbau. Mal steht das Gebäude im Wasser, dann sinkt der Pegel wieder. Der Wasserspiegel beeinflusst das Erscheinungsbild des Objekts an diesem besonderen Ort.
 

Ihr Büro hat das Rheinbad Breite zwischen 2019 und 2023 wieder vergrössert. Welche Vorgaben gab es?

Der Slogan «Vorwärts zur alten Grös­se» macht die Absicht des Trägervereins deutlich. Der Verein Rheinbad Breite als Trägerschaft des Betriebes wollte vor allem wieder mehr Bade­flächen. Eine Änderung des Zonenplans kam diesem Wunsch entgegen: Teile der ursprünglichen Anlage lagen in der Zwischenzeit in der Naturschonzone. Dort durfte nur die Badefläche vergrös­sert werden, inklusive Garderoben, nicht aber das Restaurant.

Farblich knüpfen taubenblaue Holzeinbauten an die Geschichte des Rheinbads an. Foto: Tanja Schätti, Schweizer Heimatschutz Farblich knüpfen taubenblaue Holzeinbauten an die Geschichte des Rheinbads an. Foto: Tanja Schätti, Schweizer Heimatschutz
Farblich knüpfen taubenblaue Holzeinbauten an die Geschichte des Rheinbads an. Foto: Tanja Schätti, Schweizer Heimatschutz

Der Rest des Umbaus bestand in der Optimierung der Infrastruktur?

Ja, vorwiegend: Wir bauten mehr Garderoben, einen neuen Ort für die Sauna sowie einen Lagerraum für die Küche. Ausserdem entrümpelten wir die rückseitigen Container.
 

Ich stelle mir vor: Bauen am und im Rhein ist eine besondere Herausforderung.

Vorerst vor allem aufgrund der Vielzahl involvierter Personen und Ämter. 21 Prüfstellen des Kantons redeten mit – darunter Schifffahrt, Fischschutz, Denkmalpflege, Naturschutz… Die Bauarbeiten mussten daher auf ökologische Zyklen abgestimmt werden, etwa auf die Laichzeiten der Fische. Herausfordernd war auch der wechselnde Wasserstand.
 

Wie gehen Sie als Architekt vor, wenn Sie ein historisches Objekt wie das Rheinbad umbauen oder erweitern?

Wir versuchen, das Gebäude und seine Geschichte kennenzulernen. Was war? Was kam dazu? Was verschwand? Was macht den Geist, den Charakter des Objekts aus? Uns ist wichtig, diesen Geist zu erhalten, zeitgemäss weiterzuentwickeln und ihn in die nächste Generation zu tragen.
 

Und konkret beim Rheinbad Breite?

Eine besondere Herausforderung bestand darin, die filigrane Stahlstruktur mit den heutigen Normen – etwa bezüglich Statik und Erdbebensicherheit – zu vereinen. Wie kann man dieses filigrane Gestell, von dem nur noch wenige originale Teile vorhanden sind, so erweitern, dass am Ende alles zusammenpasst? Unser Anspruch ist jeweils, ein Gebäude als Ganzes lesbar zu machen. Auch Materialfragen spielten eine Rolle. So wurde das ursprüngliche Metalldach durch eine zeitgemässe Lösung fortgesetzt, die sich optisch zurücknimmt. Farblich wiederum knüpft die Anlage mit dem charakteristischen Taubenblau an ihre Geschichte an. Wichtig ist uns ein symbiotisches Zusammenspiel von Alt und Neu. Neue Elemente dürfen erkennbar sein, sollen sich jedoch nicht aufdrängen. 
 

Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Ja, aber ich muss offen gestehen, dass ich rückblickend hier und dort gerne etwas mutiger gewesen wäre. Das hängt auch mit der Projektorganisation und der Vergabeform zusammen: Es handelte sich um ein sogenanntes Planer-Wahlverfahren und keinen Wettbewerb. Die Stadt und der Verein besuchten mehrere Architekturbüros, fünf wurden zur Offerte eingeladen – das galt auch für die Fachplanenden. Bei der Auswahl spielte dann die Kostenfrage eine Rolle.


Welchen Einfluss hatte die Denkmalpflege – etwa bei Energie, Barrierefreiheit oder Sicherheit?

Vorweg: Ich habe nie Mühe mit der Denkmalpflege. Wir arbeiteten mit Workshops, diskutierten über Stahl-­bau und Aufbauten in Holz. So fanden wir etwa für die Sicherheitsanforde­rungen eine ästhetisch ansprechende Lösung mit Netzen zwischen den Stahlrohren. Für möglichst grosse Barrierefreiheit entwarfen wir eine Zufahrtsrampe, die zugleich der Warenanlieferung dient. Im Austausch findet sich immer eine Lösung.

Besonders charakteristisch sind die filigrane Stahlkonstruktion und die industrielle Bauweise. Foto: Tanja Schätti, Schweizer Heimatschutz Besonders charakteristisch sind die filigrane Stahlkonstruktion und die industrielle Bauweise. Foto: Tanja Schätti, Schweizer Heimatschutz
Besonders charakteristisch sind die filigrane Stahlkonstruktion und die industrielle Bauweise. Foto: Tanja Schätti, Schweizer Heimatschutz

Sieht man Sie auch im Rhein schwimmen?

Ich bin in Andermatt aufgewachsen und bin ein Bergler, der den Sprung ins Wasser nie richtig gelernt hat. Aber ich habe selbstverständlich an jener Stelle im Rhein bereits meine Schwimmversuche gemacht.


Sie leben und arbeiten in Andermatt und Basel. Erzeugt das eine gute Spannung?

Eigentlich ist das ganz einfach: Ich bin in Andermatt geboren, meine Partnerin auch. Unsere Familien leben dort, und es zieht uns immer wieder hin. Ich bin aber auch froh, jeweils wieder nach Basel zurückzufahren. Meine Arbeit ist geprägt vom Spannungsfeld zwischen Stadt und Gebirge, zwischen Offenheit und Rückzug, und ich denke, ich kann diese beiden Welten gut verbinden.
 

Ihr Büro mit seinen 20 Mitarbeitenden beschäftigt sich vorwiegend mit dem Umbau historischer Häuser.

Wir realisieren viele Umbauten, wobei etwa die Hälfte davon sind denkmalgeschützte oder inventarisierte Objekte sind. Das ist unser Herzblut. Uns treiben Fragen der Identität sowie der Weiterentwicklung und des Weiterbestands eines Objekts um. Neubauten entwerfen wir ebenfalls, meist im genossenschaftlichen Kontext – die soziale Komponente ist uns wichtig.
 

Für die Stiftung «Ferien im Baudenkmal» haben Sie zwei Mal als Architekt mitgewirkt: beim Haus Tannen in Morschach (SZ) und beim Flederhaus in Wegenstetten (AG). Unterscheidet sich die Arbeit an öffentlichen und privaten historischen Bauten?

Nicht im Umgang mit dem Objekt, da gelten die gleichen Kriterien. Anders ist jedoch das Umfeld: Bei öffentlichen Bauten sind viele Institutionen beteiligt, was aufwendig ist. Private Trägerschaften ermöglichen oft direktere und somit einfachere Prozesse. Das haben wir bei unseren Stiftungsprojekten sehr positiv erlebt.


Ganz ohne Diskussionen geht es aber auch dort nicht?

Natürlich nicht – vor allem bei Eingriffen in die historische Substanz ist der Dialog wichtig. Wir gehen behutsam vor und verwenden vorhandene Materialien, wenn möglich, weiter. Es kommt selten vor, dass wir ein Bauteil entfernen und nicht wieder einsetzen.


Zwei Fragen zum Schluss. Könnten Sie sich einen Entwurf auf der grünen Wiese vorstellen?

Ein Schulhaus am Dorfrand? Nein, das reizt uns nicht. Wir bauen lieber im Kontext und verstehen uns als Vermittler.


Wenn Sie sich entscheiden müssten: Wo wäre Ihr Arbeits- und Lebensmittelpunkt – in Andermatt oder Basel?

Im Moment Basel, auch wegen der Einschulung der Kinder. Aber wer weiss, wie es in ein paar Jahren aussieht. Wir lieben Basel und sind gerne in Andermatt. Demnächst ziehen wir für vier Monate nach Apulien. Sie sehen: So sesshaft sind wir nicht.

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