Die Geschichte der Saisonniers ist eine Geschichte der Marginalisierung, des Verdrängens und des Vergessens. Die Schweizer Wirtschaft rief sie als günstige Arbeitskräfte, die Mehrheitsgesellschaft fürchtete sich jedoch vor der «Überfremdung». Der helvetische Ausweg aus diesen beiden eigentlich nicht zu versöhnenden Ansprüchen war das Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (ANAG) von 1931 mit dem Saisonnierstatut. Rotationsprinzip hiess die Patentlösung: Junge Menschen sollten je nach Bedarf für maximal neun Monate in die Schweiz kommen, Arbeit verrichten und wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Die Saisonniers gehörten nicht zur Schweizer Gesellschaft, entsprechend sollten sie wenig sichtbar sein. Spuren hinterliessen sie dennoch, auch wenn diese oft verwischt oder verborgen blieben. Das Bührer-Areal in Biel steht in dieser Hinsicht exemplarisch für die Schweizer Migrations- und Verdrängungsgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Das Neue Museum Biel (NMB) machte sich im Rahmen der Ausstellung «Wir, die Saisonniers ... 1931–2022» auf die Spurensuche. Früh musste festgestellt werden, dass die Fremdenpolizei des Kantons Bern sämtliche Personendossiers der sich in Biel aufhaltenden Saisonniers vernichtet hatte. Die Behörde setzte damit konsequent den Geist des ANAG um: Die Saisonniers und noch weniger deren illegal sich in der Schweiz aufhaltende Partner und Kinder, die sogenannten «Schrankkinder», sollten nicht Teil der Gesellschaft sein, deren schriftliche Spuren nicht im Archiv landen, ihr Leben nicht Teil der kollektiven Erinnerung werden.
Auch Dutzende von den Saisonniers errichteten Wohn- und Infrastrukturbauten in Biel und Umgebung erinnern nicht an ihre Erbauer. Nirgends ist eine Gedenktafel angebracht für diejenigen, die die Zementsäcke buckelten, Mauern hochzogen und zum Teil sogar ihr Leben auf den Baustellen verloren. Emblematisch dafür steht der Bau des Bieler Kongresshauses, einer Ikone der Betonarchitektur der Schweizer Nachkriegszeit. An den Eröffnungsfeierlichkeiten 1966 nahmen «zahlreiche Ehrengäste, darunter Vertreter der bernischen Regierung und der Gemeindebehörden» teil. Der Bieler Gemeindepräsident Fritz Stähli bedankte sich beim Architekten Max Schlup und bei den Unternehmern, die den Bau geschaffen hatten. Geradezu zynisch für die Abwesenheit der Saisonniers anlässlich der Eröffnungsfeierlichkeiten ist die musikalische Begleitung des feierlichen Augenblicks: Der einzige «italienische» Beitrag am Festakt beschränkte sich auf ein in Latein vorgetragenes Werk eines italienischen Komponisten – das Orchestre de la Suisse Romande führte das Gloria von Vivaldi auf, «mit bedeutenden Schweizer Solisten», wie es in der Depeschenmeldung hiess. Die Hunderte von Saisonniers, die den Turm hochgezogen und das Schrägdach betoniert hatten, waren an diesem feierlichen Tag wortwörtlich keiner Rede wert.
Baracken dienten als Unterkunft für die euphemistisch genannten «Gastarbeiter», insbesondere in der Baubranche. Bezüglich Isolation, Platzverhältnissen, sanitärer Einrichtungen und allgemein hygienischer Zustände lagen diese schlichten Konstruktionen weit unter dem damaligen Schweizer Standard. In der Regel standen die Baracken auf dem Areal der jeweiligen Baufirma, teils jedoch auch in Hinterhöfen, am Rand der Stadt. Schweizer hatten – mit Ausnahme der einheimischen Angestellten der Firma – keinen Zutritt. Das Nichtwissen über die erbärmlichen Unterkünfte für diejenigen Leute, die wesentlich zum Wirtschafts- und Bauboom der Schweiz der Nachkriegszeit beitrugen, beruht aber auch auf fehlendem Interesse seitens der Schweizer Bevölkerung.
Eine dieser Saisonnierbaracken stand mitten in der Gleisanlage des Rangierbahnhofs Biel. Für deren Bewohner bedeutete der Aufenthalt in dieser Unterkunft neben Isolation und Entbehrung auch Lebensgefahr: Es gab keinen gesicherten Bahnübergang, die Toilette war draussen, und in der Frühe fuhren Waggons entlang der Baracken. Diese Baracke zwischen den Gleisen wurde mittlerweile abgerissen, wie die meisten anderen auch. Die Mehrzahl dieser baulichen Zeugen der Saisonnierzeit und damit auch der Migrationsgeschichte der Schweiz verschwand nach der Abschaffung des Statuts im Jahre 2002 und machte Platz für Neubauten.
Eine weitere Etappe auf der Spurensuche nach Zeugnissen aus der Saisonnierzeit in Biel erfolgte im Rahmenprogramm der Ausstellung anlässlich eines partizipativen Stadtrundgangs. Das NMB lud in Zusammenarbeit mit dem Verein «Geschichte im Puls» Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ein, die Stadt aus ihrem Blickwinkel neu zu betrachten. An verschiedenen Posten in der Stadt erzählten sie von ihren persönlichen Erinnerungen, so zum Beispiel auch der Gewerkschafter Mariano Franzin: Vor dem Gitter des verschlossenen Zugangstors sprach er von seinem Engagement für die Saisonniers auf dem Bührer-Areal. Anfang der 1990er-Jahre wandte er sich an die Bieler Behörden, um die baulichen Zustände der dortigen Saisonnierunterkünfte zu bemängeln. Zusammen mit der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBH) übte er auch medialen Druck aus.
In der Folge überstürzten sich die Ereignisse. Eine Gruppe aus dem Hausbesetzerumfeld kletterte vier Tage nach dem partizipativen Rundgang über den Zaun und besetzte die Gebäude mit der Forderung nach einer Zwischennutzung. Ein über Jahrzehnte im Verborgenen gebliebener und schliesslich in Vergessenheit geratener Ort rückte binnen weniger Tage in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit.
Die Besetzung bot die einmalige Gelegenheit, ins Innere des Areals und der Gebäude zu gehen. Mit Erstaunen konnte man feststellen, dass die Räumlichkeiten einen authentischen Blick in die Vergangenheit gewähren. Das Mobiliar war zwar grossenteils nicht mehr vor Ort, hingegen standen dort noch die sanitären Anlagen (WC, Wasserstelle), die mobilen Gasherde in der Küche sowie die Holzheizungen. Auch einzelne schriftliche Zeugnisse aus der letzten Phase der Nutzung während der 1990er-Jahre fanden sich noch, darunter spanische Kalender von 1992, einzelne damalige Zeitungen, Zahlungsbelege und ein handgeschriebenes Blatt, das auf Spanisch zum Lichterlöschen beim Verlassen der Unterkunft mahnte. Graffitis an den Wänden zeugen von den einstigen Bewohnern. Allen Beteiligten war bewusst, dass man unverhofft auf einen einzigartigen historischen Ort gestossen war. Wir hatten es mit einer der wohl letzten in ihrem ursprünglichen Zustand noch erhaltenen Saisonnierunterkünfte zu tun.
Die klimatisch prekäre Wohnsituation konnten wir nachempfinden, war es doch in den Junitagen unter dem nicht isolierten Dach brennend heiss. Spätere Aufenthalte in den Wintermonaten liessen die Kälte in den Räumen erahnen.
Weitere Stärke entfaltet das Bührer-Areal als Erinnerungsort an die Zeit der Saisonniers und somit an die Schweizer Migrationsgeschichte durch den Kontrast mit der gegenüberliegenden Villa des Bauunternehmers, die sich ebenfalls noch in einem authentischen historischen Zustand befindet. Die 1954 errichtete Villa zeugt auch heute noch vom damaligen Luxus, der in einem völligen Kontrast zur Wohnsituation der Arbeiter stand: auf der einen Seite der Reichtum und Luxus des Patrons, auf der anderen die prekäre Wohnsituation der ausländischen Arbeiter. Nur wenige Meter sind es, die Reichtum und Armut, Schweizer und Ausländer voneinander trennen. Dies ist geradezu beispielhaft für die Schweiz des 20. Jahrhunderts.
Dass dieser schweizweit einzigartige Erinnerungsort an die Saisonniers noch steht, verdanken wir einem nicht realisierten Infrastrukturprojekt: Nach ursprünglichen Plänen des ASTRA sollten mittlerweile alle Gebäude auf dem Bührer-Areal abgerissen sein und dort die Baustelle für das letzte Teilstück des nationalen Autobahnnetzes stehen. Die Bewegung «WestAst, so nicht» brachte das Autobahnprojekt zum Erliegen. Es ist gewissermassen Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet ein verhindertes Autobahnprojekt einen Erinnerungsort an die Saisonniers ermöglicht, an jene Menschen also, die ja fast alle Autobahnen der Schweiz gebaut haben.
Florian Eitel, Historiker und Kurator
Dieser Artikel ist eine gekürzte Version des Originaltexts, der in der Publikation A future for whose past? zum Denkmalschutzjahr 2025 erschienen ist.
Wie geht es weiter auf dem Bührer-Areal in Biel?
Der Kanton Bern als Besitzer des Areals hat 2024 mit dem Kollektiv «Quai du Bas 30» (quaidubas30.ch) eine Zwischennutzung vereinbart. Angeboten werden nun Aktivitäten und Dienstleistungen, darunter Essensverteilungen oder Reparaturwerkstätten. Die Vermittlung der Geschichte der Saisonniers ist ebenfalls Bestandteil der Zwischennutzung. Auf Vereinbarung können die ehemaligen Saisonnierunterkünfte besucht werden. Auch im Rahmen der Europäischen Tage des Denkmals werden am 13. September Führungen angeboten. Die Patron-Villa wird derzeit im Auftrag des Kantons Bern umgebaut. Dieser will in Zukunft das Gebäude als Unterkunft für Asylsuchende nutzen.