Peter Zumthor: «Grundsätzlich gilt es die architektonische Qualität zu wahren und den Schutz unserer Kulturlandschaften zu sichern.» (Foto Marion Nitsch)

Architekt Peter Zumthor: «Nur das Alte ist das Alte»

Der Süsswinggel in Haldenstein ist Peter Zumthors Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Seine Bauten aber stehen überall in der Welt. Ein Gespräch in seinem Atelier: über sein baukulturelles Engagement, über Bauen im Bestand und über Orte, an die man ihn durchaus verbannen dürfte.

Ein Gespräch mit Peter Zumthor, publiziert in der Ausgabe 3/2018 unserer Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine. Text: Marco Guetg, Journalist, Zürich

Sie liessen sich in den 1980er-Jahren in den Vorstand des Bündner Heimatschutzes wählen. Welches waren die Gründe für dieses Engagement?

1979 fing ich als Architekt zu arbeiten an und musste erleben, dass meine ersten Projekte abgelehnt wurden. Das war frustrierend. Also trommelte ich ein paar Freunde zusammen; wir entwarfen eine Strategie und wurden an der nächsten Generalversammlung dann tatsächlich in den Vorstand gewählt.

Mit welchem Anspruch traten Sie an?

Wir wollten die kulturelle Stimmung in Graubünden verändern und der zeitgenössischen Architektur den Weg ebnen. Daher gründeten wir wenig später auch den Werkbund Graubünden, der dann wiederum gemeinsam mit dem Bündner Heimatschutz die Institution «Auszeichnung Guter Bauten Graubünden» initiierte. Das alles hat der Architektur Öffentlichkeit gebracht. Plötzlich redete man in Graubünden über zeitgenössische Architektur, die Behörden wurden offener, und bereits die nächste Architektengeneration profitierte davon.

In welcher Form sind Sie heute noch mit dem Bündner Heimatschutz verbunden?

Als Ehrenmitglied … ansonsten engagiere ich mich nur noch auf privater Ebene, rege gelegentlich Dinge an. Eben habe ich mit Ludmila Seifert, der Geschäftsführerin des Bündner Heimatschutzes, und Köbi Gantenbein, dem Chefredaktor von Hochparterre, eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um zu klären, wie architektonische Bauten des 20. Jahrhunderts in Graubünden geschützt werden könnten.

Der Schweizer Heimatschutz verleiht jährlich den Wakkerpreis. Welche Bedeutung messen Sie diesem Preis zu?

Er ist ein wichtiges Instrument bezüglich der öffentlichen Wahrnehmung. Über den Wakkerpreis werden Institutionen ins Bewusstsein gerückt, die baukulturell Bedeutendes geleistet haben.

Graubünden kam in den letzten Jahren ziemlich gut weg: 2010 ging der Wakkerpreis an die Gemeinde Fläsch, 2015 ins Bergell, 2018 an die Nova Fundaziun Origen in Riom …

… perfekt! Gegen diese Ernennungen habe ich gar nichts einzuwenden.

Die Ehrung der Nova Fundaziun Origen ist aber schon etwas speziell.

Aber richtig! Was Giovanni Netzer in der Region geschaffen hat, ist unglaublich. Er belebt leere Räume, nutzt Ställe um, richtet zurzeit in einem Haus temporär ein Hotel ein, und wenn immer er eine neue Produktion lanciert – seis eine Oper oder ein Tanztheater –, informiert er vorgängig die Menschen im Dorf. Auf Rätoromanisch. Netzer leistet damit Kulturarbeit am Ort und einen bedeutenden Beitrag an den Erhalt der Baukultur.

Peter Zumthor vor seinem Architekturbüro im Süsswinggel in Haldenstein (Foto Marion Nitsch)

Sie haben bis 1979 bei der Bündner Denkmalpflege gearbeitet. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Zeit?

Es war eine fantastische Zeit. Zu Beginn besuchte ich fast alle Bündner Dörfer, dann begann ich, die Siedlungsstrukturen und Bauernhäuser zu erforschen. Mich interessierte dabei nicht so sehr die stark von der Kunstgeschichte geprägte, traditionelle Bauernhausforschung. Ich verstand das Dorf vielmehr als eine Wirtschaftseinheit, in der der Bauernhof die nächste kleinere Einheit bildet, über die sich schliesslich das Dorf definiert. Vrin war mein erstes Forschungsfeld. In Vrin habe ich entdeckt, wie das Dorf klar in eine Stall- und eine Wohnhauszone aufgeteilt ist. Das ist nicht überall in Graubünden so. In anderen Gemeinden liegen die Ställe und die Häuser eher beieinander, im Engadin gar unter einem Dach. Schaut man auf diese Weise genau hin, kann man viele dieser Dörfer lesen und verstehen – aber nie alles. Die Wege der Geschichte sind gelegentlich unergründlich.

Ob Denkmalpfleger oder Architekt – ein Thema beschäftigt beide: Bauen im Bestand. Wie gehen Sie damit um?

Das Problem ist vielschichtig. Einst wurde die Bauberatung eingeführt, die den Architekten zur Seite steht. Was ist daraus geworden? Ein illustres Beispiel liefert meine Wohngemeinde Haldenstein. Hier werden jährlich innerhalb der alten Bausubstanz zwei bis drei Häuser abgebrochen. An ihrer Stelle entstehen mit den ungefähr gleichen Umrissen neue Häuser. Dann schlägt der Bauberater beispielsweise vor, dass die neuen Fenster so aussehen sollten wie die alten. Es entsteht ein Maskeradendorf, das mit seiner Geschichte nichts mehr zu tun hat. Ihm fehlt die Substanz. Heute darf man im Grunde alles abreissen, sofern es im alten Stil wieder aufgebaut wird. Und so orientiert sich der Ortsbildschutz immer mehr an einem Ortsbild, das es gar nicht mehr gibt. Das ist absurd! Diese Situation ist der Haldensteiner Behörde bewusst geworden, und sie hat kürzlich beschlossen, neue Wege zu gehen.

Weshalb plädieren Sie so explizit für den Erhalt des Bestehenden?

Das Bestehende ist für den Menschen existenziell. Der Mensch kommt von irgendwo her, hat eine Geschichte, und innerhalb dieser Geschichte muss sich auch Architektur bewegen. Gleichzeitig aber muss man daraus auch wieder Neues schaffen können.

Welche Aussage trifft für Sie in Bezug auf Bauen im Bestand eher zu: restriktive Bauvorschriften verhindern Katastrophen, oder sie sind der Tod der Kreativität?

Restriktion ist das falsche Wort. Man muss die Qualitäten sehen und daran anknüpfen, man muss darüber reden und zeigen, wie man sie weiter entwickeln kann. Grundsätzlich aber bin ich für den Erhalt der Substanz. Nur das Alte ist das Alte! Der Stuhl, auf dem mein Grossvater sass, ist der Stuhl, auf dem er sass. Eine Kopie davon ist ein anderer Stuhl.

In Bundesbern wird die Revision des Natur- und Heimatschutzgesetzes (NHG) diskutiert. Ihm droht ein Aderlass in dem Sinne, dass in den Bundesinventaren aufgeführte Objekte oder Landschaften neu auch dann nicht mehr umfassend geschützt sind, wenn kantonale oder gleichwertige Interessen überwiegen. Was halten Sie davon?

Meine Erfahrungen beim Projekt Ufenau zeigen, dass generelle Bestimmungen im konkreten Fall auch Schwächen haben können. Grundsätzlich gilt es jedoch die architektonische Qualität zu wahren und den Schutz unserer Kulturlandschaften zu sichern und nicht nur nach dem Grundsatz «Wir wollen grössere Freiheiten!» zu leben.

Ein nützliches Instrument zum Erhalt historischer Bausubstanz ist das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS).

Das ISOS entstand als Notmassnahme, als Reaktion auf die Hochkonjunktur der 1960er- und der 1970er-Jahre, während der viel alte Bausubstanz zerstört wurde. Wichtig ist aber, dass das ISOS breit abgestützt ist.

Ist das ISOS für den Architekten ein gutes Werkzeug?

Im Prinzip ja. Es liefert Fakten, zeigt auf, was in der Architektur und im Siedlungsbau wertvoll ist, und stellt das Ganze in einen landschaftlichen Zusammenhang. Nötig ist gleichzeitig aber auch ein intelligenter Umgang mit diesen Fakten. Dummerweise kann dies nicht schematisch erfolgen, sondern muss der jeweiligen Situation angepasst sein.

Ein Thema, das vor allem Bergregionen beschäftigt, ist die Umnutzung von Ställen auf Maiensässen. Wie sähe ein intelligenter Umgang hier aus?

Ich habe zwei Seelen in meiner Brust. Einerseits bin ich klar dagegen. Dann denke ich wieder: Weshalb nicht? Weshalb zum Beispiel sollen Heimwehbündner einen eh verlassenen Stall nicht umnutzen dürfen? Natürlich sehe ich die raumplanerischen wie ökologischen Probleme. Deshalb bin ich im Grundsatz ja auch nicht für die absolute Freigabe. Gewisse Maiensässe sollte man belassen, wie sie sind, einzelne aber könnte man durchaus umnutzen – selbstverständlich unter verbindlichen Auflagen.

Peter Zumthor: ««Nur das Alte ist das Alte» (Foto Marion Nitsch)

Eine immer wieder formulierte raumplanerische Forderung lautet: Es muss verdichtet gebaut werden. Die Frage ist: Wo?

Sicher nicht in den Dörfern! Die sind bereits sehr eng gebaut. Jede weitere Verdichtung macht sie kaputt! Leider geschieht das dauernd.

Verdichtetes Bauen soll somit primär in der Peripherie stattfinden?

Ja, dort, wo die riesigen, parzellierten Flächen mit aufgereihten Einfamilienhäuser stehen. Diese bebauten Halden entstanden, weil sich die Gemeinden bei der Planung ohne jegliche architektonische oder städtebauliche Vorstellung nur um die Infrastruktur gekümmert haben. So entsteht nie ein öffentlicher Raum.

Wäre der Architekt Zumthor ein anderer geworden, wenn es den Denkmalpfleger Zumthor nicht gäbe?

Ich weiss es nicht. Alles lagert sich ab, ob zufällig oder nicht. So formt sich aus vielen grösseren und kleineren Dingen ein Leben und wird schliesslich zu dem, was es ist.

Wie würden Sie sich selbst als Architekten definieren?

Als leidenschaftlichen Autodidakten, der den Dingen selber auf den Grund gehen will. Dabei habe ich etwas gefunden, das ich gut kann und das mir gut gefällt. Auch habe ich mich vor langer Zeit entschieden, weder aus kommerziellen Gründen zu arbeiten noch eine Marke werden zu wollen. Ich verstehe mich als Baukünstler, der Originale entwirft.

Ist das ein Grund dafür, dass Sie entschieden haben, dass das Atelier Zumthor & Partner nach Ihrem Ausscheiden nicht weiter bestehen wird?

Ja. Denkt man meinen Ansatz zu Ende, ist das die logische Folge. Als Hodler aufhörte zu malen, gab es keinen Hodler mehr.

Zum Schluss stelle ich Ihnen drei Fragen zu Begriffen, und Sie assoziieren. In welcher Kulturlandschaft halten Sie sich gerne auf?

An vielen Orten dieser Welt! In einer alten, bäuerlichen Kulturlandschaft mit einem geschlossenen Dorf, seis in Soglio oder im Bündner Oberland, ebenso wie in einer Wüstenlandschaft im Südwesten der USA.

An welchen Ort darf man Sie jederzeit verbannen?

Hierher, in den Süsswinggel nach Haldenstein.

In welches Gebäude dürfte man Sie längere Zeit einsperren?

Jederzeit in ein Haus von Frank Lloyd Wright, aber auch in die Casa Malaparte auf Capri. Aber auch im «Waldhaus» in Sils-Maria oder in einem Haus in der Basler Altstadt mit Blick auf den Rhein würde ich es ziemlich lange aushalten.

Peter Zumthor

Peter Zumthor wurde in Baselland geboren und lebt seit über 40 Jahren in Haldenstein GR, wo er seit 1979 ein eigenes Architekturbüro betreibt. Peter Zumthor ist einer der renommiertesten Schweizer Architekten. Sein Werk mit Bauten überall in der Welt wurde mehrfach ausgezeichnet – u.a. 2009 mit dem als Nobelpreis der Architektur geltenden Prizker-Preis.