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Lucius und Annemarie Burckhardt auf einer Reise nach Sizilien 1977
Lucius und Annemarie Burckhardt auf einer Reise nach Sizilien 1977. Foto: Dia-Archiv Annemarie & Lucius Burckhardt

Heimat ist immer jetzt

Er dachte über Stadtentwicklung nach, sie spitzte mit. Lucius und Annemarie Burckhardt prägten als intellektuelles Tandem die Stadt Basel und den Basler Heimatschutz. Eine Annäherung an dieses kreative Duo anlässlich des 100. Geburtstags von Lucius Burckhardt.

Wo beginnen? Einen Einstieg böten die Schriften. Nur: In den rund 50 aktiven Jahren des Ehepaares Burckhardt hat sich ein gewaltiger Materialberg angehäuft: Leserbriefe, Fachartikel, Glossen, Bücher, selbst Theaterstücke und Filme. Diese Fülle verweigert sich dem schnellen Blick. Aus dieser akademischen Welt lösen wir mithilfe von Markus Ritter ein paar biografische Splitter. Der Biologe und grüne Politiker war mit Lucius Burckhardt befreundet und hat einige seiner Schriften herausgegeben.

Lucius (1925–2003) und Annemarie Burckhardt (1930–2012) bildeten ein intellektuelles Tandem, das sich mit Fragen des Alltags, der Wahrnehmung von Landschaft und der Stadt wie auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung beschäftigte. Er war Professor, Autor und Redner, sie die wirkungsvolle Kraft im Hintergrund, indem sie ihren Mann nicht nur organisatorisch unterstützte, sondern auch mitredete und kritisierte. Ausdruck ihres gemeinsamen Wirkens ist die Entwicklung der «Spaziergangswissenschaft», einer Art methodischen Spazierens, das Burckhardt nach verständnislosem Nachfragen aus dem Rektorat augenzwinkernd akademisch adelte und zur «Promenadologie» umtaufte.

Engagiert für den Basler Heimatschutz

Früh schon geisselte Lucius Burckhardt in Basel städteplanerische Sündenfälle. Als Student bekämpfte er zum Beispiel die geplante Talentlastungsstrasse, die eine Schneise in die Altstadt geschlagen hätte. Er engagierte sich auch institutionell: 1950 wurde Lucius Burckhardt Sekretär des Basler Heimatschutzes. Ritter meint, Burckhardt sei kein sturer Bewahrer gewesen und durchaus «zum Neuen gestanden», hätte dabei aber stets eine «respektvolle Referenz auf das Alte» eingefordert. Mit der «kompromisslosen Moderne, die das Bestehende rücksichtslos abreissen wollte», konnte er nichts anfangen.

1955 hielt der Dreissigjährige die Festrede zu 50 Jahre Heimatschutz Basel. Markus Ritter klappt ein Büchlein auf und zitiert daraus programmatische Sätze: «Heimatschutz ist ein Ja zur Heimat und Heimat ist immer in der eigenen Zeit. Nur indem man es im Gegenwärtigen beheimatet, erhält man dem heimatlichen Erbe seinen Platz.» Der Blick auf die moderne Stadt sei dem Heimatschutz nicht in die Wiege gelegt worden, doch «nur indem er sich über die Zukunft Gedanken macht, kann er ihre Vergangenheit retten».

Burckhardt habe, so Ritter, in den 1950er-Jahren mit seinem «Einsatz für die Altstadt einen wichtigen Beitrag geleistet». Die Grenzen der Stadt verschoben sich ab dann zunehmend – Stichwort Grossagglomeration. Burckhardt fragte, «wie sich die Altstadt in diesem sich verändernden Umfeld verhält». Seine Sicht auf die Stadt als Lebensraum und als Bühne gesellschaftlicher Entwicklung wirkt bis heute weiter – bei allen, die sich mit Stadtplanung, Architektur und urbaner Kultur beschäftigen.

Kritik mit Schalk und Schere

Auch Annemarie Burckhardt war Heimatschützerin. 1966 wurde sie als erste Frau in den Vorstand des Basler Heimatschutzes gewählt, von 1972 bis 1983 zeichnete sie für die Broschüre «Heimatschutz Basel liest für Sie» verantwortlich. Was ihr in einer Zeitung mit Blick auf die gebaute Umwelt wichtig schien, collagierte sie und kommentierte damit die Seiten der Broschüre stets mit Originalität und ernsthaftem Schalk. Und sie entdeckte die Stickerei als ihre Kunstform, indem sie die Bedeutung von Alltagsgegenständen mit humorvollen wie vieldeutigen Kreuzstichen weitete.

Die Studentinnen und Studenten Lucius Burckhardts schätzten den unkonventionellen Intellektuellen, der sein Wissen bildhaft vermittelte und die Öffentlichkeit mit Aktionen auf ein städteplanerisches Manko aufmerksam machte. Legendär war sein «mobiler Zebrastreifen» in Kassel, bei dem Fussgänger selbst bestimmten, wo sie die Strasse überqueren wollten. Von 1962 bis 1972 leitete er die Zeitschrift Werk, wo er mit lockerer Ernsthaftigkeit und Ironie Probleme darstellte oder seine Visionen skizzierte.

Das Denken der Burckhardts hinterlässt bis heute viele Spuren. Das neu aufgelegte Buch Der kleinstmögliche Eingriff (Martin Schmitz Verlag, 2013), in dem Lucius Burckhardt über Stadtentwicklung, Design oder Gartengestaltung nachdenkt, ist hochaktuell und laut Ritter «ein absoluter Renner». 
 

Marco Guetg, Journalist

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Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine 3/2025 «Viele Stimmen, ein Erbe» (erschienen am 25. August 2025).