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Neue Fragen, viele Perspektiven

Unter dem Motto «Eine Zukunft für unsere Vergangenheit» markierte das Europäische Jahr für Denkmalpflege und Heimatschutz 1975 einen Meilenstein in der Geschichte der Denkmalpflege. Die Ortsbilder und die Lebensqualität gewannen an Bedeutung. 50 Jahre später bleibt viel zu tun. Und es stellt sich neu die Frage, wessen Vergangenheit mit «unsere» gemeint ist?

Vor rund 50 Jahren verkündete alt Bundesrat Ludwig von Moos in unserer Zeitschrift den Start ins Denkmalschutzjahr 1975, das sich in Analogie zum 1970 auch in der Schweiz erfolgreich durchgeführten europäischen «Jahr des Naturschutzes» um Probleme der Denkmalpflege aus europäischer Sicht kümmern sollte: «Wenn sich der Bundesrat am 18. Juni 1973 entschlossen hat, den vom Europarat ausgehenden Gedanken eines ‹Europäischen Jahres für Denkmalpflege und Heimatschutz 1975› aufzunehmen und ihm auch in unserem Schweizerland Gestalt zu geben, so waren dafür wohl zwei Überlegungen massgebend. Die Schweiz […] ist dank ihrer geographischen Situation, ihren kulturellen Strukturen und ihrer geschichtlichen Entwicklung mit den Ländern des europäischen Völkerkreises verbunden. Sie birgt aber zudem selber ein reiches geschichtliches und bauliches Erbe.» (Heimatschutz Nr. 2/1974).

Der Impuls von 1975

In seiner Funktion als Präsident der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) sowie des Nationalen Komitees betonte Ludwig von Moos, wie das Europäische Jahr für Denkmalpflege und Heimatschutz 1975 dazu beitragen solle, bekannte und weniger bekannte Baudenkmäler «nicht zu vernachlässigen oder sogar zerstören zu lassen, sondern sie zu pflegen, zu erhalten und den kommenden Generationen zu überliefern». Die Hoffnung war, dass in der Bevölkerung und bei den Verantwortlichen auf allen Stufen erkannt wird, dass der durchaus erstrebte technische und wirtschaftliche Fortschritt keineswegs «Missachtung und Zerstörung alter Bauten und Formen» zur Folge haben müsse.

Den Verantwortlichen für das Denkmalschutzjahr war die Bewahrung der über Jahrhunderte gelebten Geschichte, die in unserem gebauten Erbe eingeschrieben ist, ein Kernanliegen. Angesichts der stürmischen wirtschaftlichen Entwicklung vor 50 Jahren ging es weniger um die in ihrer Bedeutung unbestrittenen Baudenkmäler als um die bescheideneren Bauwerke, deren künstlerischer und baulicher Wert oft weit geringer ist als deren Situationswert im Ortsbild.

Ortsbild im Mittelpunkt

Für das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 leitete der Schweizer Heimatschutz das Sekretariat des Nationalen Komitees und nahm eine entsprechend führende Rolle bei der Umsetzung zahlreicher Aktionen und Projekte ein. Ein besonderes Anliegen war der Schutz der stark gefährdeten Ortsbilder. Der damalige Obmann des Schweizer Heimatschutzes, Arist Rollier, hielt die Gefahren fest (Heimatschutz Nr. 2/1974): «Entstellung durch eindringende Fremdkörper wie Glas- und Betonhäuser, aber auch Reklamen, Leitungsdrähte, Fernsehantennen, […] optische und akustische Entwertung durch den Verkehr; Steinfrass durch Abgase von Ölheizungen und Motorfahrzeugen; Herabsinken zur toten Geschäfts- und Bürostadt oder zum blossen Museum durch Bevölkerungsverlust; allmählicher Zerfall mangels Unterhaltung.» Zu den explizit erwähnten Forderungen gehörten verkehrsfreie oder -arme Innenstädte. Damit verbunden war der Aufruf, mithilfe des Denkmalschutzjahres Volk und Behörden wachzurütteln.

Ein wesentlicher Beitrag zum Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 war denn auch der Beschluss des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI) und des Delegierten für Raumplanung, ein Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) zu erarbeiten. Verantwortlich für das Projekt waren der Architekt J. Peter Aebi von der Sektion Natur- und Heimatschutz des EDI (vgl. Heimatschutz/Patrimoine 2/2020) sowie die Architektin Sibylle Heusser (vgl. S. 34). Als Probelauf zur Feininventarisierung wurde das Ortsbild von Beromünster (LU) bearbeitet. Die Deklaration des Kongresses von Amsterdam über das europäische Bauerbe zum Abschluss des Denkmalschutzjahres auf europäischer Ebene hielt ganz im Sinne des ISOS fest: «Die Erhaltung der baulichen Schätze muss zum integralen Bestandteil des Städtebaus und der Raumplanung werden.» Bei Betrachtung der heutigen Angriffe auf das ISOS wünscht man sich das damals so starke wie breite Bewusstsein für die Bedeutung der Ortsbilder zurück.

«Von Leben erfüllt»

Das Jahr 1975 war reich an Aktionen – von Filmserien, Ausstellungen und Schulprojekten bis hin zum europäischen Vorzeigeprogramm der «réalisations exemplaires»: Alle Länder, die sich an der gesamteuropäischen Aktion beteiligten, reichten beim Europarat Projekte ein, mit denen sie in den städtischen oder ländlichen Gemeinden ein mustergültiges Programm von Sanierungen und Revitalisierungen vorantreiben wollten. Für die Schweiz schlug das Nationale Schweizerische Komitee vier Gemeinden vor: Murten (FR), Ardez (GR), Corippo (TI) und Martigny (VS). Die Auswahl sollte die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Schweiz auch international aufzeigen. Im Ganzen konnten im Wettbewerb 40 Städte und Gemeinden ausgezeichnet werden. Die Schweiz schloss mit zwölf prämierten Wettbewerbsarbeiten sehr gut ab. Die Projekte wurden in Ausgabe 1/1976 von Heimatschutz gewürdigt und den Preisträgern im Schloss Rapperswil am 12. Februar 1976 die Urkunden des europäischen Wettbewerbs überreicht.

Mit dem Ende des Europäischen Jahres für Denkmalpflege und Heimatschutz 1975 zeigte sich, dass zwar viel bewegt wurde, viele der Probleme aber nicht gelöst werden konnten. Bis heute nicht. Es geht weiter darum, zeitliche und räumliche Zusammenhänge im gebauten Erbe erkennbar zu machen und bei allen Eingriffen an die Bedürfnisse der Menschen zu denken, wie bereits Ludwig von Moos festhielt (Heimatschutz Nr. 1/1976): «Eine Gruppe von Bauten, ein Strassenzug, eine Silhouette, ein Ortsbild, immer aber von Leben erfüllt und auf menschliches Mass zugeschnitten.» Die Erkenntnisse aus dem Denkmalschutzjahr 1975 können durchaus als Weiterentwicklung der Sinngebung des Denkmalschutzes verstanden werden. Sie haben eine neue, ganzheitliche Denkweise eingeläutet, die die Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt.

Auch aus Sicht des Schweizer Heimatschutzes zeigte sich der Heimatbegriff nun umfassender, indem er die Lebensqualität miteinbezog: «Anstelle des Nationalen und Patriotischen ist die Umwelt, unser alltäglicher Lebensbereich getreten. Hier müssen wir uns immer wieder fragen: Vermag das Bauen heute Heimat zu schaffen?» (Heimatschutz Nr. 1/1975).

Die Ziele bleiben, die Gesellschaft verändert sich

Am 12. Februar 1976 fand das Europäische Jahr für Denkmalpflege und Heimatschutz 1975 im Schloss Rapperswil seinen Abschluss für die Schweiz. Auf den Fotos der Schlussveranstaltung sind fast ausschliesslich seriöse, ältere Herren im Anzug zu sehen. Wie in Wirtschaft und Politik verkörperten sie vor 50 Jahren auch die Spitze der Schweizer Denkmalpflege – anerkannt, erfahren, bestens vernetzt und mit hehren Zielen. Diese Ziele haben sich nur wenig geändert. Nach wie vor gilt es, dem sinnlosen Abriss wertvoller Bausubstanz entgegenzuwirken, sich für eine gute Lebensqualität in Stadt und Land einzusetzen und eine bessere Baukultur einzufordern.

Verändert haben sich jedoch die Menschen, die für diese Ziele kämpfen: Sie sind bunter und vielfältiger, jünger, weiblicher, anders – ein Spiegel der sich wandelnden Gesellschaft. Je mehr und unterschiedlichere Stimmen sich für unser Kulturerbe einsetzen, desto besser. Unser Kulturerbe schliesst uns alle ein, Alt und Jung, Hiergeborene und Zugezogene, Arme und Reiche und auch die Minderheiten, die Randgruppen und die Menschen ohne Lobby. Viele Stimmen – ein Erbe.

Eine Frage stellt sich dabei immer wieder neu: Für welches Erbe stehen wir ein? Sind es die klassischen, seit Jahrzehnten gut gepflegten Baudenkmäler, die von den Blütezeiten und Höhepunkten der Schweizer Geschichte erzählen? Die mit ihrer Schönheit heimelig anrühren und uns von einst besseren Zeiten träumen lassen? Unbedingt, ja, denn sie sind ein wichtiger Teil der Identität und (touristischen) Attraktivität unseres Landes. Und auch unscheinbare Zeugnisse wie Industriebauten, Arbeitersiedlungen, Ställe in Bergregionen oder Bauten des 20. Jahrhunderts verdienen Schutz.

Ein breiteres Erbe

Nun folgt ein weiterer Schritt. Die Arbeitsgruppe Denkmalschutzjahr 2025 des ICOMOS Suisse stellt zum Jubiläum fest: «50 Jahre später stehen wir angesichts der Folgen von Krieg, Klimawandel, Migration und Vertreibung vor der Frage, wessen Vergangenheit mit ‹unsere› gemeint ist und ob wir überhaupt noch von einer gemeinsamen Vergangenheit sprechen können.» Die aktuelle Frage lautet, ob die durch Denkmal- und Heimatschutzgesetze geschützten Objekte tatsächlich die Geschichte repräsentieren. Welches Erbe ist für Minderheiten, Randgruppen und Menschen ohne Lobby bedeutend, und welche Massnahmen sind zu ergreifen, damit der Denkmalbestand der Zukunft die gesellschaftlichen Entwicklungen der Vergangenheit abbildet? Benötigen wir neue Inventare, Praktiken und Zugänge – und eine diversere Erinnerungskultur?

Das Resultat unserer Frage nach Ihren persönlichen Lieblingsbauten spiegelt dieses neue Denken. In der Auswahl der eingesandten Beiträge befindet sich auch ein Wohnwagen der Fahrenden oder ein einst als Provisorium gedachter Bau (vgl. S. 16/17). Die Arbeit der Denkmalpflege und des Heimatschutzes wird vielfältiger und komplexer. Und die Aufgabe bleibt, eine Zukunft für unser aller Vergangenheit zu sichern – gern mit möglichst vielen Heimatschutzmitgliedern an unserer Seite!

 
Peter Egli, Redaktor

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Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine 3/2025 «Viele Stimmen, ein Erbe» (erschienen am 25. August 2025).

Mehr erfahren

Im Artikel zitierte Textstellen und lesenswerte Artikel zum Denkmalschutzjahr aus den Jahren 1974, 1975 und 1976 im Zeitschriftenarchiv: heimatschutz.ch/e-periodica

ICOMOS

Ein Beitrag aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums des Europäischen Denkmalschutzjahrs 1975, inspiriert vom Forschungs- und Vermittlungsprojekt der ICOMOS-Suisse-Arbeitsgruppe Denkmalschutzjahr 2025 «A Future for whose Past?».