Die einflügligen Türen schliessen, der Gang rastet ein, und schon setzt sich das historische Postauto mit einem Knattern in Bewegung. Statt eines Linienziels steht auf der Plakette an der Seite des Wagens «Extrafahrt»: Heute fährt es mit rund 20 Personen nach Mühleberg, in die westliche Nachbargemeinde Berns.
Seit 2019 bietet die Regionalgruppe Bern Mittelland des Berner Heimatschutzes gemeinsam mit der Stiftung BERNMOBIL historique und dem Trägerverein Historische Postautolinie sogenannte «ArchitekTouren» an. Mit historischen Bussen geht es in die Berner Vororte Bümpliz und Köniz, wo unterwegs immer wieder halt gemacht wird, um in die Geschichte dieser Stadtteile einzutauchen. Neu seit diesem Jahr führen die Touren auch weiter in den Westen: Mit einem Postauto von 1979 geht es auf den Spuren von Verkehrs- und Energieinfrastrukturen nach Allenlüften, Gümmenen und Mühleberg.
Noch vor dem ersten Halt zieht das Fahrzeug selbst den Fokus auf sich. Der Hochflur-Reisewagen Saurer RH 525-23 wurde in Arbon am Bodensee gefertigt. Er zählt zu einer Serie von knapp 340 Fahrzeugen, die Ende der Siebzigerjahre an die Post ausgeliefert worden sind. Dabei handelte es sich um die grösste Fahrzeugbeschaffung in der Geschichte der Post. «Dieser ‹Rolls-Royce der Alpenpost› war hauptsächlich auf der Strecke Flums–Flumserberg im Einsatz», erzählt Chauffeur Mario Gächter durch das Reiseleitermikrofon, «fuhr aber auch eine Schulklasse bis nach Hamburg.» Der Motor hat eine Leistung von 320 PS – relativ viel für die damalige Zeit – und drei unabhängige Bremssysteme, um auf Alpenpässen sicher eingesetzt werden zu können.
Die Fahrt führt nach Gümmenen, einem Verkehrsknotenpunkt seit dem frühen Mittelalter. Die hölzerne Gümmenenbrücke über die Saane aus dem Jahr 1739 zählt zu den ältesten erhaltenen Holzbrücken im Kanton Bern. Schanzen und Dämme erinnern bis heute an die strategische Bedeutung dieses Übergangs, der streng überwacht war. Fuhrleute mussten Zollabgaben entrichten, um die Brücke passieren zu dürfen. «Für Vielfahrende gab es ein Abonnementsystem, wie wir es heute aus dem ÖV kennen», erklärt Anne-Catherine Schröter, Co-Präsidentin der Regionalgruppe Bern Mittelland, und zeigt auf das Zollhaus am Brückenende. Mit dem zunehmenden Autoverkehr entstand 1959 eine neue Parallelbrücke. Ein Glücksfall, meint Schröter, denn so blieb die alte Brücke für Fussgänger und Velofahrerinnen erhalten.
Nur einen Steinwurf entfernt spannt sich das Saaneviadukt von 1901, Teil der Eisenbahnverbindung zwischen Bern und Neuenburg, über das Saanetal. Der Ingenieur Albin Beyeler zeichnete die Streckenpläne für dieses imposante Bauwerk auf eigene Kosten und hat sogar eine Tagung im Historischen Museum Bern organisiert, um Geldgeber zu gewinnen. Seine Konstruktion ist so solide, dass sie auch mit heutigen Anforderungen Schritt halten kann.
Nicht weniger beeindruckend ist das Viadukt Marfeldingen, eine Autobahnbrücke der A1, die zwischen 1974 und 1976 entstanden ist. Man entschied sich für eine Hohlkastenbrücke in Vorschubtechnik, eine für die damalige Zeit revolutionäre Bauweise. Gebaut wurde die Brücke Abschnitt für Abschnitt, indem sie über ihre eigenen Pfeiler vorgeschoben wurde – ganz ohne Gerüst im Gelände. Trotz ihrer Grösse wirkt die Brücke erstaunlich leicht: Die schlanke Fahrbahnplatte und die weiten Stützenabstände von 60 Metern verleihen ihr eine filigrane Eleganz. Im Schatten dieser Konstruktion fährt das Postauto weiter – vorbei an alten Panzersperren aus dem Kalten Krieg und Richtung Aare, wo Energieinfrastrukturen warten.
Das Wasserkraftwerk Mühleberg steht exemplarisch für eine Epoche, in der Energie zur strategischen Ressource geworden ist. Die Strommangellage während des Ersten Weltkriegs beschleunigte den Bau, und der Wohlensee wurde ab 1920 gestaut. Die Bernische Kraftwerke AG beauftragte den in ihrem Verwaltungsrat sitzenden Architekten Walter Bösiger für die architektonische Hülle des Kraftwerks.
Unweit davon steht das 1972 in Betrieb genommene Atomkraftwerk Mühleberg, das erste und einzige im Kanton Bern. Die Nähe zu bereits vorhandenen Infrastrukturen des Wasserkraftwerks, zur Stadt Bern als Stromverbraucherin und zur Aare sprachen für den Standort. «Was sofort auffällt: Der Kühlturm fehlt!», betont Architekt Simon Teutsch, Vorstandsmitglied der Regionalgruppe. «Beznau und Mühleberg sind die einzigen Kraftwerke der Schweiz mit direkter Flusskühlung», ergänzt er. Diese erwies sich wegen der Erwärmung der Flüsse jedoch bald als ökologisch problematisch, sodass alle neuen Werke mit Kühltürmen ausgestattet werden mussten. Der wachsende Widerstand gegen die Kernenergie und der Reaktorunfall von Fukushima 2011 mündeten im politischen Entscheid zum schrittweisen Atomausstieg, und 2019 wurde das Atomkraftwerk Mühleberg als erstes in der Schweiz vom Netz genommen. Seither ist offen, ob die Anlagen künftig auf die grüne Wiese rückgebaut, ob sie industriell weitergenutzt oder als Erinnerung an das Atomzeitalter erhalten werden.
Mit dieser Frage steigen alle wieder ins Postauto, jenes Fahrzeug, das einst die Kraftwerksarbeiter zu ihrem Arbeitsort transportiert hat. Heute chauffiert es die Mitreisenden zurück nach Bern und verabschiedet sich mit einem Ton, den alle kennen: dem ikonischen Dreiklanghorn. Streng genommen darf dieses «Dü-Da-Do» nur auf Bergpoststrassen erklingen – doch bei dieser besonderen Fahrt macht der Wagenlenker eine Ausnahme.
Natalie Schärer, Redaktorin
ArchitekTour – Im Eilkurs durch die Architekturgeschichte Berns
Besteigen Sie einen der historischen Busse und erfahren Sie mehr über die Orte Bümpliz, Köniz oder Mühleberg bringt.
Bau Kultur Erbe 4: Mühleberg
Landschaft, Verkehr und Energieproduktion im Wandel
Jasmin Christ
168 Seiten, A5-Softcover, Fr. 20
ISBN: 978-3-9525524-0-7