Text: Marco Guetg, Journalist
Fotos: Marion Nitsch, Fotografin
Klöster sind Denkmäler. Sie repräsentieren Kultur, Spiritualität und Tradition – und sie prägen die Landschaft. Was tun, wenn ein Kloster nicht mehr Kloster sein kann? Damit beschäftigt sich der Verein Kloster-Leben. «Transformation» lautet das Stichwort. Vorstandsmitglied Susanna Etter gibt Einblick in ein noch junges Arbeitsfeld.
Die Schweiz ist ein Land der Kirchen, Klöster und Kapellen. Gibt es dazu Zahlen?
Eine verlässliche schweizweite Statistik fehlt. Aber es dürften rund 70 000 bis 80 000 reine Sakralbauten in der Schweizer Landschaft stehen. Davon sind 240 bis 250 eigentliche Klosteranlagen, von denen rund 130 von einer Ordensgemeinschaft betrieben und belebt werden …
… aber es werden immer weniger.
Das ist so. Klöster werden zusammengeschlossen, lösen sich auf oder werden zum Kauf angeboten, wie aktuell das Frauenkloster in Ilanz.
Gibt es noch Felsen in der Brandung?
Hier und dort, ja. Grosse Klöster wie jenes in Einsiedeln oder Disentis gehören dazu, wobei auch dort kaum noch Novizen eintreten. Ein weiterer Felsen in der Brandung ist auch das Frauenkloster in Cham. Wie viele Klöster schweizweit in den nächsten Jahren aufgegeben werden müssen, ist unklar. Die Anzahl an aktiven Klöstern in der Schweiz wird aber aufgrund des fehlenden Nachwuchses und der hohen Durchschnittsalter abnehmen.
Kann man einen Kipppunkt festlegen, an dem man das allmähliche Verschwinden von Klöstern festmachen kann?
Früher waren es vorwiegend politische Ereignisse wie beispielsweise die Reformation oder der Schweizer Kulturkampf im 19. Jahrhundert, die eine Zäsur brachten. Heute ist es ein schleichender Prozess, geprägt von einer zunehmenden Distanz zur Religion und zu kirchlichen Institutionen, angetrieben durch die Individualisierung, Digitalisierung, soziale Medien usw. Dieser gesellschaftliche Umbruch hat seine Auswirkungen auf das Kloster-leben. Andererseits ist es ja nicht so, dass die Fragen nach dem Sinn des Lebens verschwinden würden. Die Antworten werden einfach nicht mehr in der traditionellen Kirche gesucht.
Was verschwindet, wenn ein Kloster geschlossen wird?
Bedroht ist zum einen das Kloster als Bau. Ein leer stehendes Gebäude führt immer zu einem Investitionsstau, und das wiederum führt zum Zerfall. Eine Klosteranlage ist aber mehr als nur ein Gebäude von kulturhistorischem Wert. Sie ist ein Ort der Religion und Bildung, der Kunst und Kultur, der Geschichte und Raumgestaltung, des Sozialen und der Gemeinschaft, aber auch der Ökonomie. Und schliesslich sind Klöster gelegentlich auch Seismografen der Gesellschaft. In den Frauenklöstern zum Beispiel stellten Nonnen einst fest, dass Frauen schlecht oder gar nicht ausgebildet waren. Also schufen sie in den eigenen Räumen Ausbildungsplätze speziell für Frauen. Oder war man mit der offiziellen Kirche nicht einverstanden, gründete man eine neue Gemeinschaft. Dieses innovative Potenzial ist heute verschwunden, obwohl die gesellschaftlichen Bedürfnisse – ich erinnere an das Sicherheitsbedürfnis – vielleicht noch stärker als früher vorhanden sind.
Als Reaktion auf all das haben Sie 2019 den Verein Kloster-Leben mitbegründet. Was ist sein Ziel und Zweck?
Unser Verein ist kompetenzmässig breit aufgestellt und hat zum Ziel, schweizweit bei bevorstehenden Klostertransformationen als Projektbegleiter und Prozessunterstützer tätig zu sein. Zudem erforscht der Verein zusammen mit der Fachhochschule Graubünden und der Theologischen Hochschule Chur mit interdisziplinären Ansätzen die Entwicklungsmöglichkeiten von Klöstern in der Schweiz. Um das oben skizzierte Erbe für die Zukunft zu bewahren, brauchen Klöster neue, ursprungsnahe Nutzungskonzepte. Ziel unseres Vereins ist es – ich zitiere von unserer Website –, «den Schatz des christlichen, historischen und kulturellen Erbes so weit wie möglich und sinnvoll zu erhalten».
Sie haben an der ETH Umweltwissenschaften studiert und später ein Nachdiplomstudium in Raumplanung mit einer Masterarbeit mit dem Titel Klosterlandschaft Innerschweiz. Was die Schweiz im Innersten zusammenhält, abgeschlossen. Verraten Sie mir, was die Schweiz «im Innersten zusammenhält».
Betrachtet man die Schweiz im Früh- und Hochmittelalter, so präsentiert sich die Klosterlandschaft als dichtes und grossflächiges Gefüge, das sich – mit Ausnahme des Alpenraums – über die Schweiz ausbreitete. Aus historisch-politischer Perspektive hielten die Klöster die Schweiz zusammen. Was hält heute die Schweiz zusammen? Sind es die urbanen (Wirtschafts-)Zentren? Oder sind es vielleicht Orte der Gemeinschaft, des Zusammenlebens und des Austauschs? Könnten Klöster wieder solche Orte sein? Orte, die die Gesellschaft in Zeiten der Veränderung und des Umbruchs zusammenhalten?
Wie sind Sie auf dieses doch spezielle Thema gestossen?
Mich hat stets die Frage interessiert, welche Funktion ein bestimmter Ort für die Menschen und die Natur am Ort hat. Über meine Arbeit im Amt für Raum und Verkehr fiel dabei mein Blick auf die Klöster. Es gibt im Kanton Zug Klöster, die in der Bau-, andere in der Landwirtschaftszone liegen. Ich wollte mich raumplanerisch mit der Frage auseinandersetzen, was mit diesen Objekten in Zukunft passieren soll. So stiess ich auf das «Klosterthema» und es hat mich seither nicht mehr losgelassen.
Ein Thema, das nicht jede Raumplanerin zuoberst auf ihrer Liste hat.
Richtig. Klöster galten raumplanerisch lange Zeit als weisse Flecken. Das sind sie mitnichten! Klöster waren stark raumplanerisch tätig. Das lässt sich sehr schön anhand von Einsiedeln illustrieren. Wo einst das Kloster gebaut wurde, stand nichts. Allmählich entstand rund um dieses «Nichts» ein Dorf. Das Kloster schuf und prägte das Dorf. Den Blick richten wir auf das Kloster Fahr. Einst auf einer grünen Wiese an der Limmat gebaut, hat sich die Urbanisierung nach und nach hin zum Kloster entwickelt. Heute steht das Kloster Fahr mitten in der Agglomeration. Das alles sind interessante raumplanerische Aspekte.
Wie agiert der Verein Kloster-Leben in diesem Umfeld?
Unser Ziel ist es, Klöster zu erhalten beziehungsweise neu zu positionieren. Das kann aber nur dann funktionieren, wenn die verschiedensten Disziplinen zusammenarbeiten: Denkmalschutz, Theologie, Ökonomie, Raumplanung … und das alles von innen heraus – also mit den jeweiligen Ordensgemeinschaften zusammen. Dabei lassen wir uns gemeinsam von Fragen leiten wie: Welche Funktion hat das betreffende Kloster heute? Kann sie erhalten bleiben, oder soll sie neu definiert werden? Wenn ja: In welche Richtung? Braucht es einen Bruch? Was ist die richtige Nutzung? Es ist eine lange und schwierige Suche, eine generelle Antwort ist nicht möglich. Jedes Objekt hat seinen eigenen Prozess und seine eigene Antwort.
Das Stichwort lautet «Transformation». In welche Richtung kann das gehen?
Zum Beispiel Richtung Hotellerie, was sich allein von der Zellenstruktur her aufdrängt – wie das Culinarium Alpinum in Stans. Das einstige Kapuzinerkloster vereint heute gemäss Selbstdeklaration «Genuss, Wissen und Begegnung unter dem Dach». Beim Frauenkloster Heiligkreuz in Cham wurde ausserhalb des Klosters ein Wohnbauprojekt auch mit Kita im Baurecht abgegeben, im Kloster Wesemlin in Luzern wird neu eine Wohnnutzung ermöglicht. Das einstige Jesuitenkloster in Bad Schönbrunn wiederum dient heute als Ort der Stille mit vielen Auszeitangeboten. Im luzernischen Rickenbach wiederum ist im einstigen Kloster neu ein Zentrum für demenzkranke Menschen domiziliert. Die Kartause Ittingen steht als Beispiel dafür, wie ein einst sakraler Ort als Ort der Kultur und Hotellerie eine neue, über die Region strahlende Bedeutung erlangen kann.
Man könnte auch Künstlerateliers einrichten, Orte für den Rückzug …
… oder «Ferien im Kloster» anbieten – analog zu «Ferien im Baudenkmal». Möglich ist vieles. Die Frage ist nur, ob es auch richtig ist. Das lässt sich nur im Einzelfall entscheiden.
Welche Objekte liegen zurzeit auf dem Tisch des Vereins?
Wir stehen zurzeit mit drei Kloster-Kandidaten in Vorgesprächen. Vielfach stehen Klöstern im Transformationsmodus eigens dafür gegründete Stiftungen zur Seite, die über die Zukunft des Klosters nachdenken. Ein Einstieg bei diesen Stiftungen dauert in der Regel lange, weil unterschiedliche Anspruchsgruppen mit unterschiedlichen Anliegen involviert sind. Unser Verein ist offen, Projekte in die Hand zu nehmen – Interessierte können sich über kloster-leben.ch mit uns in Verbindung setzen.
Grundsätzlich gilt: Man muss für einen Neuanfang bereit sein, sonst kommt das Ende. Wie muss man sich diesen Transformationsprozess vorstellen?
Wir versuchen immer, den Dreiklang Raumplanung, Theologie und Ökologie anzuschlagen. Das ist ein heikler Prozess und erfordert ein sensibles Vorgehen, da das Ganze für die Ordensgemeinschaften mit vielen Emotionen verbunden ist. Man muss sich mit dem eigenen Ende beschäftigen, mit dem Ende einer langen Geschichte voller Tradition, und gleichzeitig bereit sein, neue Ideen zu entwickeln. Die Reaktionen in diesem Spannungsfeld sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von grosser Offenheit bis hin zu skeptischer Zurückhaltung. Dazu kommt, dass die Klosterlandschaft sehr vielfältig ist und auch verschiedene Menschen darin unterwegs sind. So gibt es Klöster, die verkauft wurden, und bei denen bis heute unklar ist, was passieren wird.
Wer kauft ein Kloster?
Immobilienentwickler – wobei wir das nicht a priori schlecht finden. Es braucht Menschen oder Firmen, die sich ein solches Projekt finanziell leisten können. Idealismus allein genügt nicht. Auch Klöster haben Geld verdient. Unser Verein arbeitet zum Beispiel mit der Stiftung Abendrot zusammen, einer Schweizer Pensionskasse, die sich dem nachhaltigen Investieren verpflichtet hat. Sind Privatpersonen oder eine Immobilienfirma involviert, muss darauf geachtet werden, dass eine Anlage nicht zerstückelt wird. Ein Kloster ist ein Ensemble. Zentral ist auch die Zugänglichkeit. Wird eine Anlage geschlossen, verliert sie eine wichtige Funktion im Raum und in der Gesellschaft. Diese Gefahr besteht eher, wenn sie an eine Privatperson verkauft wird.
Ein weiteres Tätigkeitsfeld des Vereins «Kloster-Leben» ist das Forschungsprojekt Mona. Worum geht es da?
Gemeinsam mit der Fachhochschule Graubünden und der Theologischen Hochschule Chur werden die Geschichte, der Zustand und die Entwicklungsmöglichkeiten von Schweizer Klöstern erforscht und dokumentiert. Das mehrjährige Projekt wird von der schweizerischen Agentur für Innovationsförderung Innosuisse unterstützt. Mona ist dreiteilig aufgebaut. Einerseits ist ein Klosteratlas in Arbeit. Da bin vor allem ich involviert. Die Klosterlandschaft wird dabei erstmalig räumlich dargestellt und erfasst – vorerst digital, später vielleicht auch als Buch, wobei die Schnelllebigkeit der Klosterszene diesem Ziel ein Schnippchen schlagen könnte. Daneben werden zwei Reallabors geführt. Das eine durch die katholische Kirchgemeinde Zug, wo man sich mit den vielen Räumlichkeiten der Kirche und ihrer künftigen Nutzung befasst. Das andere Reallabor hat die Komturei Tobel in St. Gallen im Fokus. Das Kloster wurde aufgelöst und wird seit 2006 als Stiftung geführt. Über das Reallabor wird nach Möglichkeiten gesucht, wie man den Transformationsprozess begleiten könnte.
Blicken wir auf die Mitte des 21. Jahrhunderts und auf die Klosterlandschaft Schweiz. Was ist Ihre Vision nach 50 Jahren Arbeit des Vereins Kloster-Leben?
Die Klöster sind der Gesellschaft erhalten geblieben. Sie sind wie heute immer noch zugänglich, stiften Identität und verbinden die Menschen mit diesen Orten. Vor allem aber: Dort wird nach wie vor in irgendeiner Form gelebt, man tauscht sich aus oder trifft sich, in welcher Form auch immer.