Text: Marco Guetg, Journalist
Fotos: Marion Nitsch, Fotografin
Sorgenkind Dorfkern. Während man hier wie dort noch nach Lösungen sucht, hat die Walliser Gemeinde Grengiols für sich eine gefunden: mit dem dezentralen Hotel POORT A POORT. Was dahinter steckt? Mitinitiant und Stiftungsratspräsident Beat Ritz gibt Auskunft.
Drehen wir die Zeit zurück in die Jahre vor der Jahrtausendwende und werfen wir einen Blick auf Grengiols. Welches Bild zeigt sich uns?
Am Dorfrand stehen zahlreiche Neubauten, erstellt von Einheimischen, die eine Familie gegründet und sich ausserhalb des Dorfzentrums ein neues Heim errichtet haben. Wir sehen aber auch die Folge davon: Alte Häuser im Dorfkern wurden weniger bewohnt und stehen leer.
Ich habe gelesen, dass damals auch Gefahr bestand, dass in Grengiols plötzlich keine Beiz mehr vorhanden sein könnte und Sie diese Perspektive aufgescheucht hat.
Ja, das war im vergangenen Jahrzehnt. Grengiols hatte im Dorf drei Beizen: Insider nannten sie «Oberschta», «Mittleschta» und «Unnerschta». Als die langjährige Wirtin des Restaurants Bettlihorn 2014 verkündete, im Frühjahr 2015 aufzuhören, läuteten bei mir die Alarmglocken. Mit Jahrgang 1949 war sie die jüngste der drei Wirtinnen am Ort. Somit bestand die Gefahr, dass in Grengiols die zwei anderen Restaurants auch schliessen und wir ein Dorf ohne Beiz wären. Also meldete ich mich beim Gemeindepräsidenten und beim Landschaftspark Binntal (LP Binntal). Dort rannte ich offene Türen ein, da man bereits beschlossen hatte, das früher angestossene Projekt «Dorfkernerneuerung» zu aktivieren.
...das wiederum aus dem «Projekt Zweitwohnungen Goms» hervorgegangen ist.
Dieses Projekt stand unter dem Slogan «Gehen in unseren Dörfern die Lichter aus?» und suchte Antworten auf die Frage, wie die Ferienwohnungen in der Region besser genutzt werden könnten. Bei einer Umfrage über deren Belegung zeigte sich übrigens, dass das am meisten genutzte Objekt in der ganzen Region das von der Stiftung Ferien im Baudenkmal angebotene Huberhaus in Bellwald ist!
Gibt es in Grengiols viele Ferienwohnungen?
Nicht so viele. Deshalb habe ich mich in dieser Arbeitsgruppe «Projekt Zweitwohnungen Goms» dafür eingesetzt, dass wir für unsere Gemeinde vor allem darüber nachdenken, wie wir das Dorfzentrum neu beleben und stärken können.
Und dieses Projekt führte in Grengiols schliesslich zum dezentralen Hotel POORT A POORT?
Tatsächlich wurde im LP Binntal bereits ab 2005 über ein dezentrales Hotel nachgedacht, allerdings mit einem anderen Schwerpunkt. Es ging vor allem um die Bewirtschaftung der Ferienwohnungen. Diese Idee fing jedoch nie richtig Feuer. Einen neuen Anlauf starteten wir 2011/12. Nach einem Gang durchs Dorf hockten wir an einen runden Tisch, breiteten unsere Ideen aus, setzten einen kreativen Prozess in Gang und stellten fest, wie der Gedanke eines dezentralen Hotels immer wieder ein Thema wurde.
Was Sie weiter verfolgt und schliesslich mit dem Hotel POORT A POORT auch realisiert haben. Wie sind Sie konkret vorgegangen?
In den Jahren 2010 und 2011 haben wir den Bestand im Dorfkern inventarisiert, dabei den Typ der Wohnungen festgehalten und in welchem Zustand sie sind. Geklärt wurde auch die Frage der Nutzung und der Eigentümerschaft und was diese mit den leer stehenden Wohnungen vorhat.
Wie aber brachten Sie die Eigentümerschaft dazu, das Restaurant Bettlihorn samt Wohnung im oberen Stock der Stiftung Dorf am Bettlihorn zu verkaufen?
Die Eigentümer verfolgten unsere Arbeit mit Interesse und sahen, dass wir mit dem Projekt POORT A POORT am gleichen Ort ihren geliebten Gastbetrieb weiterführen wollen. Sie waren begeistert. Etwas mehr Überzeugungskraft war beim Erwerb der einstigen Wirtewohnung im oberen Stock nötig, die bisher von einem Sohn der Erbengemeinschaft als Ferienwohnung genutzt wurde. 2022 war es dann so weit.
Wie wurde das Projekt im Dorf aufgenommen?
Hier und da gab es Unsicherheiten bei den Eigentümern während der Inventarisierung. Es gab Klärungsbedarf, was wir mit der Befragung bezwecken. Selbstverständlich konnten wir sie beruhigen. Grundsätzlich wurde unser Projekt in der Gemeinde positiv aufgenommen – auch wenn ein Teil nie daran geglaubt hat, dass wir es je realisieren können.
Eingriffe in die historische Bausubstanz sind immer etwas heikel.
Dessen waren wir uns bewusst. Immerhin ist der Dorfkern von Grengiols im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung verzeichnet. Entsprechend haben wir uns verhalten. Offensichtlich richtig: Unsere Arbeit wurde vom Oberwalliser Heimatschutz mit einem Preis ausgezeichnet.
Ideen entwickeln ist das eine, sie umzusetzen, das andere. Wie sind Sie in Grengiols vorgegangen?
Um eine juristische Person als Ansprechpartner zu haben, gründeten wir zuerst einen Verein mit dem Zweck «Erneuerung und Belebung des Dorfkerns». Dieser Verein fokussiert sich in erster Linie auf Veranstaltungen. Eine war das Dorffest von 2019, an dem wir einerseits Musterzimmer präsentierten, andererseits das Crowdfunding für das Dorfhotel lancierten. Im April 2019 wurde die POORT A POORT Dorfhotel AG gegründet, im Dezember desselben Jahres die Stiftung Dorf am Bettlihorn. Dass das Projekt von einer Stiftung getragen wird, war von Anfang an wichtig, allein schon wegen der Mittelbeschaffung und zur personellen Entflechtung des Stiftungsvermögens. Mit dem kürzlich verstorbenen Dorfpfarrer Eduard Imhof hatten wir den ersten Hauptstifter.
Er hat dem Hotel auch den Namen POORT A POORT gegeben.
Pfarrer Imhof war ein fantasievoller und mit der Sprache und den Gepflogenheiten des Dorfes vertrauter Geist. Er hatte uns eine Liste mit rund 30 Namen zur Auswahl vorgelegt. Das Walliserdeutsche POORT A POORT hat uns für unser Projekt mit den damit verbundenen Zielen am besten gefallen.
«Tür an Tür» als Programm…
… das zeigt, dass letztlich alles zusammenspielt. Ob Gast oder Einheimischer: In der Beiz trifft man sich, hier tauscht man sich aus… die Beiz im Dorfkern ist ein Ort der Begegnung.
Das Projekt stand, der Name auch. Nebst der Frage, wie die Erneuerung des Dorfkerns gestalterisch umgesetzt werden kann, beschäftigte wohl auch die Frage der Finanzierung?
Mit der Inventarisierung hatten wir uns schon ein gutes Bild über die infrage stehenden Objekte machen können. 2017 hatten wir – Monika Holzegger, die das Projekt Dorfkernerneuerung beim LP Binntal geleitet hat, Architekt David Ritz und ich – bereits sehr konkrete Vorstellungen und wünschten, unsere Vision am Ort des einstigen Restaurants Bettlihorn realisieren zu können. Und ja, die Finanzierung dafür war eine Knacknuss. Immerhin mussten rund zwei Millionen Franken aufgetrieben werden. Ein Meilenstein war im März 2022 die Zusage einer grossen Spende. Jetzt wussten wir, dass wir wichtige Schritte wagen können: den Kauf und den Umbau des Restaurants Bettlihorn samt darüber liegender Wohnung.
Welche gestalterischen Prämissen bestimmten den Umbau?
Unser Slogan «Altes beleben, Neues bewirken» bringt diese Prämissen gut zum Ausdruck. Unser Ziel war, so viel wie möglich zu erhalten und nur das zu ändern, was für die Realisierung nötig und sinnvoll ist. So wurden die Aussenmauern im Erdgeschoss Ost fachmännisch bearbeitet und an zwei Ecken mit Verzierungen versehen, wie sie in anderen Gebäuden im Dorfkern vorhanden sind. Die Fenster wurden erneuert, aber nicht ersetzt. Im Innern der Zimmer blieb vieles beim Alten. Die Tragbalken samt Inschriften machen die Geschichte des Hauses lesbar. Grössere Eingriffe erfolgten im Restaurant, das über die Jahre immer wieder umgebaut worden war. Neu präsentiert es sich als grossen Raum mit passender Holzmöblierung. Im Raum stehen geblieben ist ein Giltsteinofen von 1896, den wir sanieren liessen.
Hotel wie Restaurant wurden im September 2024 eröffnet. Was bietet das Dorfhotel POORT A POORT rein räumlich an?
Das Dorfhotel umfasst aktuell das Restaurant im Erdgeschoss und darüber drei Zimmer mit eigenen Nasszellen sowie einzelne Nebenräume. 2023 hat die Stiftung eine weitere Wohnung oberhalb des Restaurants «Grängierstuba» gekauft, das von einem Wirtepaar betrieben wird. Mit ihnen haben wir uns betrieblich so arrangiert, dass in Grengiols immer eine Beiz offen ist.
Seit etwas mehr als einem halben Jahr ist POORT A POORT nun in Betrieb. Wie sind die ersten Erfahrungen?
Der Start war gut. Doch nach einigen Wochen gab es Schwierigkeiten und personelle Veränderungen. Insofern sind wir noch nicht auf dem gewünschten Stand. Wir spüren den Fachkräftemangel. Zufrieden sind wir mit der Auslastung des Hotelbetriebs. Das Restaurant könnte noch besser laufen.
Wer kommt ins POORT A POORT?
Ganz unterschiedliche Menschen – beispielsweise auch Architekten, die sehen wollen, was wir aus dem alten Objekt gemacht haben. Auffallend war die Zeit bis gegen Mitte November, als die meisten Hotels in der Region geschlossen waren und wunderbares Wetter in die Berge lockte. Unser Hotel war ein paar Wochen lang sehr gut belegt. Nebst der Idylle in einem Bergdorf bietet es sich auch gut als Ausgangspunkt für Ausflüge ins Binntal, in die Aletschregion und ins Goms an.
Den alten Dorfkern beleben kann man in zweifacher Hinsicht: durch Menschen und durch Veranstaltungen. Was unternimmt die Stiftung in diesem Bereich?
In diesem Zusammenhang spreche ich jeweils von einem Dreigespann, nämlich dem Verein Dorf Grengiols, der Stiftung Dorf am Bettlihorn für den Erwerb und das Eigentum der Betriebsräumlichkeiten und der POORT A POORT Dorfhotel AG als Betriebsgesellschaft. Der Verein bezweckt ganz allgemein die Belebung des Dorfkerns und befasst sich in erster Linie mit der Organisation oder Unterstützung von Veranstaltungen. Jedes Jahr führen wir auf dem Dorfplatz die 1. August-Feier durch. Unter seiner Oberleitung haben wir 2019 auch das Dorffest mit diversen Angeboten organisiert. Dazu gehörten eine Fotoausstellung und Kleinkonzerte, die dazu angeregt haben, ab 2022 die «Grängjer Kulturtäg» durchzuführen. Diese finden bewusst zur Zeit der Tulpenblüte im Monat Mai statt und ermöglichen so eine wünschenswerte Kombination von Kultur und Natur.
Wenn Sie als Präsident der Stiftung Dorf am Bettlihorn nicht an Finan-zen denken müssten: Was wäre in Grengiols noch wünschenswert?
Nach der Inventarisierung haben wir uns beim Dorfhotel zuerst auf vier Objekte festgelegt: Das Restaurant POORT A POORT mit drei Hotelzimmern ist realisiert. Die Baubewilligung liegt vor, um auch die 2023 erworbene Wohnung oberhalb der «Grängierstuba» umbauen zu dürfen. Es sind aber noch ein paar Sachen zu klären und die nötigen Geldmittel zu beschaffen. Aktuell suchen wir noch einen Raum, um dort die hoteleigene «Waschküche» unterbringen zu können. Ein Objekt, das wir in der Inventarisierung erfasst hatten, wurde von privater Seite erworben und umgebaut. Das ist gut so und passt durchaus zu den Zielen der Belebung und Erneuerung des Dorfkerns. Wir schätzen selbstredend auch entsprechende private Initiativen. Was wir uns später einmal – die personellen Kapazitäten vorausgesetzt – durchaus vorstellen könnten, sind Dienstleistungen für Wohnungsbesitzer bei der Vermietung von Ferienwohnungen.
Bei der Eröffnung von POORT A POORT sprachen Sie von einem «Puzzle im Gesamtkonzept». Wie sieht das Bild aus, wenn das letzte Puzzleteil gesetzt ist?
Ich wünsche mir die Zusammenarbeit von allen im Dorf, damit die Wohnungen im Dorf möglichst zeitgemäss umgebaut und neu genutzt werden und damit das Dorf wieder mehr belebt wird. Meine Vision: Dass in möglichst vielen Wohnungen abends ein Licht brennt – als Zeichen dafür, dass hier gelebt wird.
Sie wurden für Ihr Engagement mit Auszeichnungen geehrt. Denken Sie, dass Grengiols für andere Gemeinden Modell stehen könnte?
Durchaus. Während unseres Findungsprozesses habe ich Gemeinden mit ähnlichen Problemen und Aktivitäten besucht. Ich war in Vnà im Unterengadin; mit dem Projektteam haben wir das Albergo diffuso in Corippo (TI) angeschaut und uns im bündnerischen Valendas schlau gemacht. Wir haben die nationale Dorfkerntagung 2019 erstmals hier in Grengiols (mit)organisiert und dabei unser Konzept vorgestellt; andere Orte präsentierten ihre Visionen und Lösungen. Klar, jeder Ort hat seine spezifischen Probleme, doch ich bin überzeugt, dass das, was wir hier entwickelt haben, durchaus Modellcharakter haben kann.
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Ein Streifzug durch die Archive von SRF, RTS und RTR zeigt Poschiavo im Wandel: mal gefordert, mal honungsvoll, mal stolz. Archivbilder aus fünf Jahrzehnten dokumentieren, wie sich die Gemeinde den Herausforderungen gestellt und neue Perspektiven geschaen hat