Text: Marco Guetg, Journalist
Fotos: Marion Nitsch, Fotografin
«Cultural Heritage needs Continuous Care» ist Teil des NFP 81 und befasst sich mit der Pflege des baukulturellen Erbes. Worum es geht? Die Projektleiterin Giacinta Jean und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Flavia Flückiger zünden ein paar Positionslichter.
Ist das Forschungsprojekt «Cultural Heritage needs Continuous Care» – oder zum griffigen Slogan verkürzt: «CH needs CC» – eine Reaktion auf einen Mangel oder einfach der Wunsch nach Optimierung?
Giacinta Jean: Kulturgüter werden in der Schweiz seit jeher gepflegt. Die zentrale Frage aber ist: Wann und wie geschieht das? Schaut man genauer hin, fällt auf, dass die Pflege eines Objekts häufig erst dann anfällt, wenn es in einem schlechten Zustand ist und allein schon aus öffentlichem Interesse saniert werden muss. In unserem Forschungsprojekt setzen wir früher an und verfolgen einen präventiven Ansatz. Denn zur Wahrung der Originalsubstanz und somit der Authentizität eines Objekts sowie im Sinne der Nachhaltigkeit und der Kosteneffizienz ist es wichtig, Schäden gar nicht erst entstehen zu lassen. Erklärtes Ziel unseres Projektes ist es, das Bewusstsein der Eigentümerschaft für eine präventive Sicht auf ihr Kulturobjekt und dessen Pflege zu schärfen – ganz nach dem Motto «Agieren, nicht reagieren».
Welche Objekte stehen im Fokus?
Jean: Keine Museumsobjekte, sondern Bauwerke, die von Menschen genutzt werden können, die Wind und Wetter ausgesetzt sind und dadurch auch schneller und stärker beschädigt werden. Man darf nicht vergessen: Bei einer Beschädigung geht immer auch Originalmaterial verloren. Ziel ist es daher, möglichst viel an Substanz zu erhalten. Das ist nicht nur eine Frage der Nachhaltigkeit und Suffizienz, sondern hat auch einen kulturellen Wert – und es zahlt sich schliesslich auch finanziell aus.
Sie sind Professorin für die Geschichte und Technik der Konservierung und Restaurierung an der Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana (SUPSI) und leiten das NFP-Projekt. Was hat Sie daran gereizt?
Jean: Als ich die Ausschreibung des NFP 81 «Baukultur» des Schweizerischen Nationalfonds las, wurde mir schnell klar, dass hier ein Thema angesprochen wird, das nicht nur im universitären Rahmen behandelt werden sollte, sondern das in sich ein enormes Transformationspotenzial birgt, das für die Praxis der Konservierung genutzt werden kann und muss. Gleichzeitig wurde mir aber auch klar, dass dies einen kontinuierlichen Kontakt und Austausch mit verschiedenen Partnern erfordert, damit nach und nach ein landesweites Netzwerk entsteht, von dem sowohl Fachleute als auch Normalbürger profitieren können.
Mit wem arbeiten Sie zusammen und in welcher Form?
Jean: Wir arbeiten nach der Living-Labs-Methode. Das heisst: In Workshops und anderen Treffen werden öffentliche und private Eigentümer, Kirchgemeinden, Schutzbehörden, Fachleute, Kulturvereine und Bildungseinrichtungen aktiv in die Entwicklung der Inhalte miteinbezogen. Dieser Teil der Forschung entsteht in Zusammenarbeit mit Luca Morici, Francesca Cellina und Rebecca Bertero vom Dipartimento ambiente, costruzioni e design (DACD) der SUPSI.
Findet man da eine gemeinsame Sprache?
Jean: Bei öffentlichen Eigentümern sprechen wir oft mit Fachleuten, die sich um die Baukultur ihrer Institution sorgen und mit der Sache vertraut sind. Private Eigentümer und Eigentümerinnen bringen nicht dieselben Grundlagen mit. Unsere Aufgabe ist es, dieser Gruppe das notwendige technische Wissen zu vermitteln oder ihr zumindest aufzuzeigen, an wen sie sich wenden kann, um fachgerechte Hilfe zu erhalten.
Welche Funktion haben Sie, Flavia Flückiger, innerhalb des Projekts?
Flavia Flückiger: Ich bin zu 50 Prozent am Istituto materiali e costruzioni (IMC) der SUPSI angestellt und betreue das Projekt als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Daneben arbeite ich noch als Restauratorin mit eigenem Atelier in Bern. In unserem Team decke ich den deutschsprachigen Teil des Forschungsprojekts ab, während unser Projektpartner und Konservator-Restaurator Julian James mit seinen Mitarbeitenden Cécile Roulin und Lucia Huguenin in der Romandie aktiv ist. Der italienischsprachige Teil wird durch die Projektleitung von Giacinta Jean und Francesca Piqué bespielt.
Sie tragen somit auch Erfahrungen aus der Praxis ins Projekt.
Flückiger: Durchaus. Bei meiner Arbeit als Restauratorin merke ich, wie vieles zusammenfliesst. Oft sind wir schon vor Ort, bevor mit der Arbeit begonnen wird. Wir machen Voruntersuchungen, geben Architekten oder Eigentümerinnen Empfehlungen, wie ein Projekt geplant und umgesetzt werden könnte, und können den Prozess bis hin zur Nachkontrolle begleiten. Das hat viel mit Vermittlungsarbeit zu tun, die ja auch im Umgang mit der Pflege von Kulturgut eine wichtige Rolle spielt.
Wie schätzen Sie generell den Willen zum Erhalt bzw. zur Pflege der Baukultur in der Schweiz ein?
Jean: Die einen empfinden es als lästig, weil sie sich darum kümmern müssen, für andere wiederum ist es in Bezug auf ihre zeitlichen und finanziellen Ressourcen ein Luxus, den sie sich nicht leisten können. Wieder andere sehen darin die Möglichkeit, ihre Kulturgüter sinnvoll und umsichtig zu erhalten. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns. Unsere Aufgabe ist es, die Eigentümer von der Notwendigkeit regelmässiger Kontrollen und der Pflege ihres Gebäudes oder ihrer Kirche zu überzeugen, wie wir das in anderen Bereichen des Alltags ja auch tun: beim Heizkessel, beim Auto oder wenn wir periodisch unsere eigene Gesundheit checken lassen. Es geht aber nicht nur darum, zu sensibilisieren: Wir wollen auch konkrete Instrumente bereitstellen, die dabei helfen.
Flückiger: Den Menschen den Unterhalt schmackhaft zu machen, ist zuweilen schwierig. Kontrollen und Pflegemassnahmen bedeuten regelmässige Ausgaben für Arbeiten, deren Ergebnis man optisch und am Objekt nicht direkt sehen kann. Dabei steht ausser Frage: Regelmässige Kontrollen mit entsprechenden Massnahmen führen längerfristig zu tieferen Kosten.
Wie bringen Sie das in die Köpfe der Menschen?
Jean: Durch Überzeugungsarbeit – was wohl einer der schwierigsten Aspekte unseres Projektes ist. Wir möchten im Grunde einen Paradigmenwechsel: weg von der einmaligen Restaurierung, hin zum kontinuierlichen Unterhalt der Baudenkmäler. Anfang Februar veranstalteten wir ein Seminar über die Pflege der Kunst im öffentlichen Raum. Dort wurden Wissen und Erfahrungen im Umgang mit der Thematik vermittelt und die Instrumente benannt, die später den zuständigen Stellen zugutekommen sollen. Bei unserem NFP-Projekt geht es nicht um den grossen Wurf, sondern um die wichtigen kleinen Schritte. Die Leute sollen dafür sensibilisiert werden, regelmässig genauer hinzuschauen und, wenn nötig, aktiv zu werden.
Ist neben den konkreten konservatorischen Überlegungen auch die Vermittlung ein Aspekt in Ihrem Forschungsprojekt?
Flückiger: Ja, mit Francesca Cellina, Luca Morici und Rebecca Bertero haben wir haben Mitarbeitende im Team, die sich mit der Kommunikation befassen. Sie bemühen sich um die optimale Diskussion und Vermittlung innerhalb des Projekts sowie mit der interessierten Fachwelt und Öffentlichkeit. Wir betreiben neu auch eine Website (www.chneedscc.ch), und geben uns Mühe, unsere Plakate und Informationen modern und ansprechend zu gestalten. Wir hoffen natürlich, dadurch dem etwas verstaubten Image entgegenzuwirken, das der Denkmalpflege und dem Kulturgüterschutz zu Unrecht anhaftet. So wurde beispielsweise die Frage, wie man Pflegepläne attraktiv und benutzerfreundlich gestalten kann, in einem Workshop mit Fachpersonen der Denkmalpflege intensiv diskutiert. Zudem überlegen wir, wie wir unser Anliegen in den Neuen Medien vermitteln könnten.
Jean: Wichtig ist mir ein weiterer Aspekt unseres methodischen Vorgehens. Ich nenne ihn den Bottom-up-Ansatz. Wir können nicht von oben diktieren, was zu machen ist, sondern müssen gemeinsam mit der Eigentümerschaft, der Nutzerschaft und den mit dem Unterhalt betrauten Personen eine Lösung entwickeln. Zentral ist die Frage, wie wir das Konzept der Pflege und des Unterhalts vermitteln wollen. Ein wichtiger Partner in diesem Zusammenhang ist der Schweizer Heimatschutz, der uns mit seinen Erfahrungen und Vermittlungsaktivitäten unterstützt, die er im Kontakt mit einem breiten Publikum durchführt.
Sie haben aus Normen und Gesetzen Äusserungen zur Konservierung und Restaurierung zusammengestellt. Mit welchen Begriffen lässt sich Unterhalt definieren?
Jean: Eine unserer überraschendsten Feststellungen war, dass nirgends eine allgemeingültige Definition von Pflege zu finden ist. Die Zusammenfassung unserer Recherchen zum rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmen, in dem in der Schweiz Pflegemassnahmen an Kulturgütern durchgeführt werden, war das Thema des ersten Workshops, der Ende Oktober stattfand. Dort haben wir auch einen Vorschlag zur Definition von «Pflege/Unterhalt» formuliert (chneedscc.ch). Das Feedback wird nun weiter bearbeitet. Darauf aufbauend werden am Ende des Forschungsprojekts Richtlinien formuliert, die von der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege in ein nationales Grundsatzdokument überführt werden sollen.
Die Projektgruppe führt drei Feldversuche durch: In Lugano geht es um die Pflege von Kunst im öffentlichen Raum, bei der Abtei Hauterive FR um einen Sakralbau und beim Haus Zentner von Carlo Scarpa in Zürich schliesslich um ein historisches Wohngebäude. Welches ist der tiefere Sinn dieser Auswahl?
Jean: Wir wollten verschiedene Objektgruppen sowie Projekte in verschiedenen Stadien der Umsetzung und in unterschiedlichen Sprachregionen der Schweiz auswählen. In der Stadt Lugano besteht bereits ein Plan für die Pflege der Kunst im öffentlichen Raum. Jetzt geht es um die Realisierung, bei der wir die zuständigen Stellen begleiten. Die Ausbildungsmodule und festgelegten Prozesse der Umsetzung sind so angelegt, dass sie auch in anderen Städten angewendet werden können. Das Kloster Hauterive wiederum hat soeben eine umfassende Konservierung/Restaurierung abgeschlossen. Das ist der ideale Zeitpunkt, um einen Pflegeplan erst zu erstellen. Die Casa Zentner schliesslich, die in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre vom italienischen Architekten Carlo Scarpa entworfen wurde, fällt in die Kategorie zeitgenössische Architektur. Hier wird ein Restaurierungsprojekt gestartet, das von Anfang an auch Wartungsaspekte umfassen soll.
Ihr Projekt wurde vor ein paar Monaten lanciert und wird in rund vier Jahren abgeschlossen sein. Was wird dann vorliegen?
Flückiger: Nachdem wir lange Zeit mit den unterschiedlichsten Partnern zusammengearbeitet haben, sollte dannzumal ein grosses und hoffentlich funktionierendes Netzwerk von Interessierten und Fachpersonen entstanden sein. Auch werden spätestens dann allgemein zugängliche Leitlinien als Richtschnur für die Pflege von Kulturgütern vorliegen. Ausserdem sind Unterrichtsmodule angedacht, die dann zur Verfügung stehen sollen.
Jean: Wir hoffen sehr, dass ab jenem Zeitpunkt künftig alle Eigentümer unsere Leitlinien als Richtschnur für richtiges Handeln im Bereich der Denkmalpflege benutzen werden. Es geht dabei überhaupt nicht um die Formulierung völlig neuer Konzepte – ganz im Gegenteil! Wir beschreiben vielmehr Dinge, die eigentlich alle wissen, aber nur wenige umsetzen. Ich glaube, dass unser Projekt nicht nur einen Beitrag zur Bewahrung des kollektiven Gedächtnisses leistet, sondern mit seiner Methodik auch einen bedeutenden sozial-kulturellen Impuls gibt.
Kehren wir zum Detail zurück. Bei welchen Objekten besteht der grösste Handlungsbedarf?
Jean: Grundsätzlich gilt: Unsere Vision ist die Voraussicht. Dies gilt in gleichem Masse für alle Objekte. Welche Baudenkmäler am meisten gefährdet sind? Schwierig zu sagen. Wenn ich konkret werden muss und auf die Bauteile blicke, ist klar: Priorität hat das Dach – aber nicht erst, wenn es bereits defekt ist!
Wie steht es in den einzelnen Kantonen um die Pflege des Kulturguts?
Flückiger: Das hängt, nebst den rechtlichen Grundlagen, oftmals von den zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Ressourcen ab. Es gibt Kantone mit einer gut dotierten Denkmalpflege, in anderen trägt eine Person die Verantwortung für den gesamten Kanton. Eine Rolle spielen auch die Besitzverhältnisse. Je mehr Gebäude in privater Hand sind, desto schwieriger ist es, die Menschen zu erreichen. Dazu kommt, dass die Denkmalpflege häufig wenig Zeit für das Gespräch und den Austausch mit den Eigentümerschaften hat. Das wäre aber ein wichtiger Teil der Vermittlungstätigkeit.
Gibt es unter den Kantonen einen Musterschüler?
Flückiger: Es sind weniger einzelne Kantone, sondern vielmehr bestimmte Projekte, bei denen mit dem kulturellen Gut vorbildlich umgegangen wird. Spontan fallen mir die Münsterbauhütten in Bern und in Basel, die Kirchendecke von Zillis oder das Kloster Müstair ein – das sind nur ein paar Beispiele, die Liste liesse sich viel weiter fortsetzen. Wir hoffen, dass durch unser Forschungsprojekt in ein paar Jahren die Liste der Leuchttürme um viele weitere Baudenkmäler ergänzt werden kann, an denen regelmässig Kontrolle und Pflege als selbstverständliche Massnahmen durchgeführt werden.
Cultural Heritage needs Continuous Care
Im Zentrum des Forschungsprojekts stehen die Kunst im öffentlichen Raum sowie kulturell bedeutende Gebäude mit ihren historisch wertvollen Oberflächen, wie Wandmalereien, Stein- oder Stuckverzierungen.