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Donnerstag, 22. Mai 2014

Bauten 1960-80: Aufbruch, Abbruch, Umbruch?

Mit rund 170 Teilnehmenden war die Veranstaltung in der Kantonsschule Hardwald bereits seit mehreren Wochen ausgebucht. (Foto: Tobias Dimmler)

Die Kantonsschule Hardwald in Olten ist ein eindrücklicher Zeitzeuge der Aufbruchsstimmung im Zuge der Bildungsoffensive. (Foto: Tobias Dimmler)

Die Kantonsschule Hardwald in Olten ist ein eindrücklicher Zeitzeuge der Aufbruchsstimmung im Zuge der Bildungsoffensive. (Foto: Tobias Dimmler)

Die Kantonsschule Hardwald in Olten ist ein eindrücklicher Zeitzeuge der Aufbruchsstimmung im Zuge der Bildungsoffensive. (Foto: Tobias Dimmler)

Nachdem Fragen der Energiesanierung und Substanzerhaltung bei der Instandsetzung von Bauten aus der Nachkriegszeit in Fachkreisen bereits intensiv diskutiert werden, hatte die Tagung des Schweizer Heimatschutzes vom 20. Mai in Olten zum Ziel, über das Einzelobjekt hinauszublicken und die Bautätigkeit der 60er, 70er und 80er Jahre in einen umfassenderen Zusammenhang zu rücken. Mit rund 170 Teilnehmenden war die Veranstaltung bereits seit mehreren Wochen ausgebucht. Der Tagungsort selbst ist ein eindrücklicher Zeitzeuge der Aufbruchsstimmung im Zuge der Bildungsoffensive. Wie komplex und herausfordernd eine Anpassung an heutige Komfort- und Nutzungsansprüche ist, zeigten die Führungen von Hochbauamt und Denkmalpflege.

Anhand konkreter Beispiele im Raum Lausanne zeigte Bruno Marchand, Professor am Laboratoire de théorie et d’histoire de l’architecture der EPFL, wie die Eröffnung der ersten Autobahnen mit einem eigentlichen Paradigmenwechsel im Bereich der Schweizerischen Raumplanung einherging. Die Ära des Automobils leitete einen tiefgreifenden Wandel in der Wahrnehmung und Behandlung von Landschaft, Siedlungsgebiet und Stadt ein. Auch Bruno Reichlin, Honorarprofessor der Universität Genf, wies auf das grundlegende, aber oft zu wenig beachtete Zusammenspiel von Architektur und Landschaft hin, das insbesondere im Werk von Le Corbusier zentral ist. Gut gemeinte, aber unbedachte Eingriffe haben die Grundidee der von Reichlin präsentierten architektonischen Meisterwerke zerstört, obwohl es sich um ausgiebig publizierte und weitherum anerkannte Werke handelt. Laut Reichlin fehlt es an einer integralen Sichtweise und an fundiertem Argumentarium, um Werke der jüngeren Geschichte angemessen beurteilen und behandeln zu können. Er plädiert inständig für eine ernsthafte und fundierte Auseinandersetzung mit der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von Werken, bevor es zu Eingriffen kommt.

Einen weiteren Paradigmenwechsel stellt Jürg Conzett, Conzett Bronzini Gartmann AG, im Bereich des Brückenbaus fest. Bekannten sich Ingenieurmeister wie Ernst und Albert Schmidt, Christian Menn und Emil Schubiger zu einer aus der Logik und Ökonomie der Konstruktion geschaffenen Eleganz, so tritt Mitte der 80er Jahre die Figur des Ingenieurs als Künstler auf. Die Einheit von Technik und Form geht verloren.

Die seit 2000 existierende Fachstelle für Denkmalpflege der SBB ist schweizweit ein Sonderfall und hat beratende Funktion, wie Hans Ulrich Baumgartner darlegte. Die SBB besitzt eines der grössten Immobilienportfolien der Schweiz mit einem grossen Anteil hochkarätiger Bauten der späteren Nachkriegszeit, denen jetzt und in den kommenden Jahren besondere Aufmerksamkeit gilt.

Baukultur braucht engagierte Freunde
Isabel Haupt, stv. Denkmalpflegerin Kanton Aargau, wies darauf hin, dass Wertschätzung und Bedeutung eines Werkes soziale Zuweisungen sind. Um ein öffentliches Interesse am Erhalt eines Gebäudes geltend zu machen, können Initiativen von Bürgervereinigungen viel bewirken. Politisches Engagement von Fachkreisen, aber auch einer interessierten Öffentlichkeit ist gefragt, um ein Mitspracherecht über die Schutzwürdigkeit von Werken auszuüben. Adrian Schmid, Geschäftsleiter des Schweizer Heimatschutzes, lobte in diesem Zusammenhang den Boykottaufruf der führenden Architektenvereinigungen im Zusammenhang mit dem zu projektierenden Abbruch der Zentral- und Hochschulbibliothek in Luzern.

Die Kantonsschule Hardwald als wichtiger Zeitzeuge
Für Architekturhistoriker Michael Hanak ist das 1973 fertiggestellte Werk der Architekten Funk und Fuhrimann "ein Paradebeispiel des Brutalismus" und einer der wichtigsten Schulbauten der Schweizer Nachkriegsmoderne. Die Eigenheiten der Konstruktion wurden während der Führungen durch die Anlage deutlich. Dass die bevorstehende Sanierung ein komplexes und auch kontroverses Unterfangen wird, zeigten die Erläuterungen des Hochbauamts und der Denkmalpflege. Die Tagung schloss mit engagierten Voten aus dem Publikum, dass die Instandsetzung der Kantonsschule höchste Aufmerksamkeit und fachliche Sensibilität verdiene.

 

> Weitere Informationen und die Kurzfassung der Referate

 

Für weitere Auskünfte und Fragen:
Schweizer Heimatschutz, Françoise Krattinger
Tel. 044 254 57 08 / francoise.krattinger(at)heimatschutz.ch

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